Review: The Kills Midnight Boom

Alte Maschinen klingen einfach geil. Ihnen fehlt die Reibungslosigkeit und Glätte der modernen Welt sich automatisch öffnender Lifttüren, sie verströmen den Duft von Störrigkeit, sind widerspenstig und bedürfen daher der Spezialkenntnisse von Maschinisten, die ihre Macken – die sie Charakter nennen – kennen und sie liebevoll ölen. Komisch, aber irgendwie folgerichtig, dass die Mechanisierung des Lebens in dem Moment wieder den Geschmack von Lebendigkeit auf die Zunge spült, in dem sie durch eine weiter fortschreitende technologische Entwicklung selbst historisierbar wird. Die Zeitgenossen mögen noch maschinenstürmerisch vor der Entwertung des unimitierbaren Human-Groove gewarnt haben, dreißig Jahre später aber findet man Atari-Computer süß und Analog-Synthies menschelnd. Die britischen Elektro-Gladiatoren Add N To (X) versuchten eine ganze musikalische Karriere auf dieser Schönheit sterbender Synthesizer zu errichten; das unter dem Namen The Kills firmierende Pop-Pärchen aus Jamie Hince (alias »Hotel«) und Alison Mosshart (alias »VV«), nutzt den ruckelnden und scheppernden Sound des Akai-MPC-60-Drum-Sequencer für sein drittes Album nur, um seinen heruntergestrippten Rock´n´Roll in so handliche wie grobe rhythmische Einheiten zu zerlegen.

    Wenn man von solchem aufs Wesentliche heruntergekochten Quasi-Nudisten-Rock spricht, fallen einem natürlich sofort die beiden Minimalisten ein, die The White Stripes bilden. Auch bei ihnen stehen die Zeichen auf Intensität statt Komplexität, aber statt auf den blechernen Sound der Rhythmusmaschine setzen sie auf die bei The Kills mehr und mehr in den Hintergrund tretende oder allenfalls bös perkussiv gespielte Gitarre.

    Überhaupt die Perkussivität: Allenthalben trommelt, klöppelt, klopft, knallt, klickert und klatscht es auf diesem Album. Ein Stück wie »Cheap And Cheerful« besteht fast nur aus Rhythmus. Manchmal hat man den Eindruck, die Geister von Bow Wow Wow seien im Studio zugeschaltet gewesen.

    Man will weg vom Authentizismus des Schwanzrock und den aufgeblasenen Gitarrensoli komischer langhaariger Möchtegernvirtuosen. Das ist die Motivation des Punk, die The Kills beerben. Lieber Ü-Raum als Akademie, bloß nicht das Instrument zu gut beherrschen, bloß nicht Mozart zu sein versuchen, so weit es geht, alles selbst machen, statt einen mexikanischen Marimbaphonisten einfliegen zu lassen. Gleichzeitig will man aber auch nicht in die Kälte einer Moderne, in der der uterale Beat, den man das erste Mal in Muttis Fruchtblase hört und der dich als eigener Herzschlag so lange du lebst nicht mehr verlassen wird, zur bloßen entmenschten Klanglandschaft verdampft.

 

VIDEO: The Kills – Cheap And Cheerful
(Regie: Sophie Muller)

    Halten wir also fest: The Kills wollen den Rock´n´Roll töten, dabei aber gleichzeitig seine Intensität retten. Geht das? Dass es nicht unmöglich ist, haben Bands wie The Jesus And Mary Chain, The Velvet Underground oder auch das New Yorker Psycho-Synth-Duo Suicide demonstriert. Hohe Messlatten, fürwahr.

    The Kills nutzen die deutliche Unterscheidbarkeit ihrer Stimmen – die helle, mit Ami-Akzent belegte Mossharts und die männlich-roughe des Engländers Hince –, um das aus den Work-Songs und Spirituals bekannte Call-and-Response-Pattern zu reproduzieren (Sie selbst sprechen von auf Schulhöfen zirkulierenden Abzählreimen). »Walk you to the counter«, sagt der Mann, »What you got to offer«, respondiert das Mädchen in der eröffnenden Single »U.R.A. Fever«. Ein stetes Hin und ein Her, ein Rock und ein Roll. Nur dass dieses sich zu einer gewissen Trance aufbauende Hauruck weder dem effektiveren Fortgang der Plantagenarbeit wie beim Dialog zwischen Vorarbeiter und Arbeitern dienstbar gemacht wird noch der höheren Lobpreisung des Herrn wie beim Wechselgesang zwischen Reverend und Gemeinde, sondern einer Dynamik unterstellt ist, die nach ganz irdischem Sex klingt. Schwitzig, ein bisschen dirty, ein bisschen hysterisch, ein wenig hyperventilierend. Und wenn man die Augen schließt, dann sieht man zu den rumpelnden Bässen, sparsam eingesetzten, sägenden Gitarrensalven und mehr stakkatohaft gesprochenen, geschrieenen und skandierten als gesungenen Vocals auf »Midnight Boom« trotz seiner ADS-haften Tempoverknalltheit irgendwas aus der Elementarkunde des sogenannten »life: film stills« von Jim Jarmusch, Wüstensand, the open road, Selbstgedrehte, Liebe als trotzigen Kommunismus zu zweit, als das antisoziale Nein, das man einer verständnislosen society als Fehdehandschuh vor die Füße schmeißt.

    Will man etwas bemängeln an dieser dritten The Kills-Platte, dann ist es die ewige bohemistische Art-school-Coolness, das Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen, dass Andy Warhols Factory keine Ausgehoption mehr ist, die allzu stilisierte Patti Smith-Schwarzweiß-Grobkorn-Ästhetik und die autoreferenziell-distanzierte Weise, auf die hier zuweilen mit Sprache umgegangen wird. Es kann doch nicht immer 1979 sein! Die beiden Hübschen sind so cool – warum, fragt man sich, müssen sie dann überhaupt noch solchen Wert darauf legen, es ganz dringend auch zu sein? Einen merkwürdigen Kontrast bilden auch die verhältnismäßig gute Produktion und die garagige Do-it-yourself-Attitüde der beiden. Mit anderen Worten: Die hier zelebrierte Dirtyness ist nicht ganz so schmutzig, wie sie scheinen will. Und die müde Coolness des Gesangs, welche mitunter an Sonic Youth erinnert – und nur im untypischen, balladesken Schlussstück »Goodnight And Bad Morning« einer sich verletzbar machenden Aufrichtigkeit weicht –, ist natürlich folgerichtig und probat, wenn man Poesiealbengefühligkeit als doof und verlogen ablehnt, manchmal aber dient sie auch als billiges Emotionsversteck und schafft neuerliche Zwänge. Vor allem ist sie in Gefahr, zur Pose zu erstarren.

    Doch Schluss mit der Suppenhaarzählerei. Doof-Finden kann jeder. Friedrich Nietzsche, Rainald Goetz und die gesamte neokynische Tradition haben völlig Recht mit ihrer zumindest theoretischen Wertschätzung des Ja-Sagens. Also: »Midnight Boom« ist fraglos ein schönes Album mit Kraft, aber in zehn Jahren wird man wissen, dass es nie und nimmer so groß war, wie man es 2008 einmal machte.

 

LABEL: Domino Recording Co

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 07.03.2008

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