Review: The House Of Love The House Of Love / The German Album

Das jüngst auf Deutsch erschienene voluminöse pophistorische Werk des britischen Autors und Musikkritikers Simon Reynolds, »Rip It Up And Start Again – Schmeiß alles hin und fang neu an: Postpunk 1978-1984« (vgl. Spex #311), würde das Œuvre der romantischen Indierocker The House Of Love als retroistisch, privatistisch sowie unpolitisch-eskapistisch und damit nicht zu seinem Gegenstandsbereich gehörig abtun. Dabei ist jedem Eskapismus, anders als es Kritische Theorie und traditionelle Ideologiekritik behaupten, durchaus ein in weiterem Sinne politisches Negativstatement gegenüber dem inhärent, wovor eskapiert wird. Die 1986 vom Islingtoner Songwriter Guy Chadwick gegründete Band knüpft in ihren Anfängen zudem durchaus an die von Reynolds als innovatorisch gekennzeichneten Elemente von Postpunk und New Wave an. Diese allerdings werden mit den schrammelnden Prä-Shoegaze-Gitarren der von Chadwick verehrten The Jesus And Mary Chain und den psychedelischen Harmonien amerikanischer Folkpopper der 60er Jahre wie The Byrds hybridisiert.

    Nachzuhören ist diese Frühphase einer Band, die schon als die neuen U2 gehandelt wurde, bevor Drogenexzesse, Vandalismus und interner Streit 1993 nach vier Alben (zunächst) zu einem vorzeitigen Karriereende führten, nun auf zwei geschmackvoll gestalteten, dem Original-Cover-Artwork folgenden Digipak-Reissues. »The House Of Love«, das Longplay-Debüt von 1988, eröffnet mit dem grandiosen Indie-Hit »Christine«: Zwischen Entrückung, ruhiger Resignation, bedrohlicher Sanftheit und geflüsterter Besessenheit oszillierender Gesang ergänzte sich perfekt mit den repetitiven, noch in ihrem Klagen irgendwie euphorischen Arabesken des per Anzeige im Melody Maker gefundenen zweiten Gitarristen Terry Bickers. Beim Rest der ursprünglich auf Alan McGees Creation-Label veröffentlichten Platte handelt es sich um soliden, auf atmosphärischen Gitarrenschichten ruhenden britischen Indierock: sanft, ein bisschen überheblich, in sich gekehrt, melancholisch und nicht immer beruhigend weit entfernt von allzu pflichtschuldig vor sich hin rockenden Langweilereien (»Sulphur«), wie man sie von den zeitgleichen Hervorbringungen von Primal Scream, Ride oder Echo & The Bunnymen auch immer mal wieder als Füllmaterial gewohnt ist. Im musikhistorischen Rückblick hört man dem Debüt der nach dem erotischen Roman »A Spy In The House Of Love« von Anais Nin benannten Band an, dass von ihm eine nicht geringe Wirkung auf ebenfalls mit Gitarrentexturen arbeitende Nachfolger wie Pale Saints, Moose, Slowdive, Swervedriver und Chapterhouse ausgegangen ist.

TheHouseOfLove    Bei »The German Album« handelt es sich um das durch die drei Stücke der »Destroy The Heart«-12" ergänzte Re-Release einer 1987 ebenfalls unter dem Titel »The House Of Love« exklusiv in Deutschland veröffentlichten und längst vergriffenen Compilation früher Singles und B-Seiten. Dunkler, rauher, dringlicher und von deutlich erkennbaren musikalischen Nachwehen von (Post-)Punk und New Wave erschüttert – namentlich die von Chadwick geschätzten The Cure und Joy Division, aber auch The Chameleons und die frühen U2 sind hier zu nennen –, ist »The German Album« die interessantere Wiederveröffentlichung. Auf ihr ist auch die mit sprödem Charme gesegnete Urversion des größten House-Of-Love-Hits »Shine On« zu hören, der allerersten Single der Band, die nach dem Wechsel zum Major Fontana 1990 noch einmal in einer transparenter produzierten Version eingespielt und zum Top-20-Hit wurde. Deutlich wird auf dieser Zusammenstellung auch, wie prägend – und in der Nachfolge schmerzlich vermisst – die sanften und über das Erfüllen einer reinen Backing-Funktion deutlich hinausgehenden Vocals der deutschen Sängerin und dritten Gitarristin Andrea Heukamp waren, die die Band, vom Touren erschöpft, noch vor Veröffentlichung der von ihr veredelten »Christine«-Single und des 88er Debüts verließ. Auf »Welt« singt sie gleichberechtigt im Wechselgesang mit Chadwick, »On The Hill«, eine B-Seite der »Christine«-Maxi, bestreitet sie mit stimmlicher Unbedingtheit und großer Präsenz allein.

LABEL: Renascent

VERTRIEB: Broken Silence

VÖ: 26.10.2007

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