Review: The Halfters 60 Jahre D-Mark

Wildes tribalistisches Getrommel, eine pseudodilettantisch gehandhabte akustische Gitarre, durch deren nervöse Akkordstakkatos Flamenco-Reminiszenzen schimmern, ekstatische, glossolalisch stammelnde Stimmen, welche mal an die Quäkigkeit des Sesamstraßen-Ernies, mal an grönemeyernde Kehligkeit erinnern. So ungefähr lässt sich das musikalisch repräsentative Eröffnungsstück beschreiben, das den Namen »Griechenland« trägt. Der Gesang der drei Mitglieder von The Halfters, die sich Don Aqua, Moabit Klos und Ruediger-Christian nennen, ist selten bis nie zu verstehen. Ebenfalls unklar bleibt, wie das Album, dessen aufwendiges Digipak-Cover prachtvoll mit Geldscheincollagen der Vor-Euro-Zeit versehen ist, zu seinem Titel kommt. Sinnfragen werden einfach nicht beantwortet.

    So hat es den Anschein, als feierten The Halfters lustvoll und regressiv die Befreiung von der einen, in ihrem Monopolismus als terroristisch empfundenen Bedeutung. Als solle dem repressiven Diktat des Faktischen durch die Aufforderung zum Veitstanz noch einmal gezeigt werden, was eine sinntransgredierende Harke ist. Die achtzehn Lieder, die hier in nur 35 Minuten präsentiert werden – mehr lässt sich ohne die Entwicklung pathologischer Symptome auch nicht ertragen –, changieren zwischen unplugged gespieltem Death Metal, selbsttherapeutischer Ritualmusik und gröligem Prolopunk. Einer der vielen irritierenden Aspekte dieses scheinsimplen Albums besteht darin, dass The Halfters für Letzteren eindeutig zu virtuos und rhythmisch vertrackt spielen. Wie die wahnwitzigen französischen Cold Waver Clair Obscur oder die irische Band The Virgin Prunes Anfang der Achtziger ist man sich für keine Grimasse zu schade. Man schwitzt, schreit, greint, stöhnt, juchzt und hyperventiliert. Manchmal schmatzt, schnalzt und schneuzt es auch nur einfach (»Seattle 94«).

    Vom absurden Theater haben The Halfters die Strategie, prima vista Banales mit maximal leidenschaftlicher Inbrunst hervorzustoßen: »Wenn ich in die Wolken schau / Sehe ich nur Wolken«, lautet die erschöpfende Wiedergabe des Textes von »Wolken«. Vielleicht besteht dessen tieferer Sinn in der neodadaistischen Betonung der Tautologizität des Seienden, das in reiner Immanenz nur ist, was es ist, und kein transzendentes Dahinter mehr kennt: Die Wolken sind kein Symbol für Göttliches, sondern wirklich ›nur Wolken‹.
Zwischendurch schleicht sich kurz der Gedanke ein, man habe es hier mit geistig Herausgeforderten zu tun, denen die Anstaltsleitung mit einer neuen Idee zur spielerischen Affektabfuhr gekommen ist. Dass hier aber ein arty Konzept vorliegt, wird spätestens beim Blick auf die abgedruckten Statements des Kunsttheoretikers und designierten Direktors der Biennale in Venedig 2009, Daniel Birnbaum, offenbar. Sie klingen wie das Resultat eines Griffs in die poststrukturalistische Mottenkiste von Siebziger-Jahre-Academia, indem sie einmal mehr Identitätskritik üben und hybridisierende Konzepte der Subjektauflösung postulieren.

    Vielleicht muss man es als Teil solcher Authentizitätskritik betrachten, dass nebenbei zu erfahren ist, es handele sich bei allen hier zu hörenden Songs um akustische Coverversionen von Stücken einer ebenfalls den strengen Duft von Virtualität und Intellektuellenscherz verströmenden Thrash-Punk-Band namens Pornoheft. »60 Jahre D-Mark« ist ein unverwechselbarer erratischer Block, bizarr, monströs und deshalb faszinierend. Ohne den Einsatz bewusstseinsverengender Drogen wird das Album indes wenig Freude bereiten.

LABEL: Whatness Records

VERTRIEB: A-Musik

VÖ: 14.12.2007

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