Review: The Flaming Lips Christmas On Mars

Zu bewegten Bildern hatten die Flaming Lips schon immer eine starke Verbindung. Von ihrer Existenz habe ich zum Beispiel erst erfahren, als Jen ein T-Shirt von ihnen trug. Jen – gespielt von Michelle Williams – war das Außenseiter-Grrrl, das in »Dawson’s Creek« beim Uni-Radio auflegte. In »Dawson’s Creek« bzw. in dieser fiktiven Kleinstadt Capeside voller gepflegter, bis zum Exzess selbstreflexiver, frühreifer Teenager, war Jen die sympathischste Figur – sie war die intelligenteste von allen, verspürte dabei trotzdem einen leichten Hang zur Prolligkeit und lebte daher ihre Konflikte eher aus, als sie in watteweichen Sozpäd-Wir-müssen-darüber-reden-Sprech zu packen. Genau das machen die Flaming Lips – im Wissen um den Zustand der Welt stürzen sie sich grundmelancholisch in die große Party, zelebrieren auf ihrer Kindergeburtstagsbunten Bühne die reine Oberflächlichkeit mit Musik, die dazu neigt, noch weniger über den reichen Sound und Sing-A-long-Hooklines hinauszureichen, als ihnen wohl selbst bewusst ist.

    Mit anderen Worten: The Flaming Lips waren immer schon dazu prädestiniert, einen Trash-Film zu drehen. Mit »Christmans On Mars«, written and directed by Frontmann Wayne Coyne, ist es nun so weit. Seit 2002 wurde daran gedreht, auf 16mm-Film, meistens bei Coynes in Oklahoma City. Der Film beginnt mit einem angemessen psychedelischen Intro. In fleischiges Rot tropft was Schwarzes, eine Art Befruchtung passiert da wohl, irgendwas explodiert und im Sternenzelt kristallisiert plötzlich Kubricks Milchstraßenbaby – nur größer. Auch Kenneth Anger und Ed Wood sagen laut ›Servus‹, denn schon sind wir in der Marsstation, in der große Teile des interstellaren Kammerspiels stattfinden. Als würden Monty Phyton Motive aus »Solaris« unscharf memorieren, steigert sich die Besatzung in die Ahnung, dass ihre Existenz darin bestehen könnte, Teil einer riesigen Maschine zu sein, die gerade dabei ist, kaputt zu gehen. Höchste Zeit, dass ein Baby geboren wird – ist ja Weihnachten. Es tut das, was Babys so tun: es gibt Hoffnung. »Wenn das Kind überlebt, überleben wir vielleicht alle.« Und dann klingelt das Telefon.

    Es fiept und blubbert hier zwar ständig überall, aber das Klingeln setzt allem die Krone auf, es klingt wie ein verstrahlter Froschteich. Schon stellt sich die Frage: war die Geburt des Babys nur ein Traum? Was ist mit diesem Marsmenschen? Könnte der nicht wenigstens ein Weihnachtsmannkostüm tragen? »I think, Santa’s gonna save us all.« »Ho, Ho, fucking Ho!«. Neben allen Band- und vielen Familienmitgliedern tritt übrigens noch Saturday-Night-Live-Comedian Fred Armisen auf. Auch Adam Goldberg beweist erneut Selbstironie, nachdem er  die Karikatur eines wehleidigen Amerikaners in July Delpys »Two Days in Paris« gab und schon in seinem nach wie vor nur zu importierenden jüdisch-orthodoxen Blaxploitation-Hit »Hebrew Hammer« gegen den bösen Sohn des Nikolaus kämpfte.

    All das ist freilich ein ausgefeilter großer Quatsch, dem jede Sekunde anzumerken ist, dass er auch konzipiert wurde, um auf Flaming Lips-Konzerten als unkonventionelle Lightshow zu dienen. Solange es beide nicht nach Europa schaffen, kann man mit der DVD zumindest die eigene Betriebs-Weihnachtsfeier zum trashigen Happening aufstylen.

LABEL: Warner Music

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 14.11.2008

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