Review: The Cure 4:13 Dream

Ist hier jemand abergläubisch? Das dreizehnte Studioalbum von The Cure namens »4:13 Dream« erschien zwar ganz profan Ende Oktober, es wurde allerdings von vier Singles angekündigt, die jeweils am 13. eines Monats veröffentlicht wurden und enthält – wer hätte das gedacht – dreizehn Songs. Man muss sich von soviel prophezeitem Unheil nicht schrecken lassen, denn in weniger trübsinnigen Gefilden gilt diese schicksalhafte Ziffer ja immerhin als Glückszahl. Über dreißig Jahre nach Gründung der Band, die von Sänger Robert Smith in etwa so oft zu Grabe getragen wurde wie sein lyrisches Ich in seinen Hits, und vier Jahre nach dem letzten Lebenszeichen auf Albumlänge geht es nun in veränderter Besetzung gleich gut los: Das sphärische »Underneath The Stars« nimmt sich ausreichend Zeit für ein prächtiges Intro, genießt die wunderschöne Aussicht unter den Sternen, lässt sie musikalisch herunterrieseln, wird elegisch ohne auszuufern und erinnert dunkel an die Anfänge des Meilensteins »Disintegration« von 1989.

    Dieses Niveau kann Schmerzensmann Smith mit Bassist Simon Gallup, Drummer Jason Cooper und Gitarrist Porl Thompson jedoch nicht durchgängig halten. Obgleich niemand nach dieser erfolgreichen Karriere der kultivierten Tristesse eine irgendwie geartete Neuerfindung erwartet – ambitiöser Schmonzes wird ja ohnehin viel zu oft mit Weiterentwicklung verwechselt –, ein wenig deutlicher hätten The Cure dennoch von den ausgetretenen Pfaden abweichen dürfen, die sie selbst als verdienstvolle Pioniere des popaffinen Dark Wave angelegt haben.

 

VIDEO: The Cure – The Perfect Boy

    Denn vieles auf »4:13 Dream« klingt allzu typisch, nach rockigem Selbstzitat und künstlerischer Sackgasse. Das wird eingefleischte Anhänger traurigschöner Weisen, vorgetragen von Smiths hysterisch-überdrehter Stimme, die so eigentümlich bleibt, dass sie unter Hunderten herauszuhören wäre, nicht davon abhalten, in dem englischen Quartett weiterhin die düster gekleidete Kehrseite jedes optimistischen Sonntagskindes zu erkennen; überraschen wird das aktuelle Werk indes auch niemanden. Selbst die bewährte Longplayer-Dramaturgie, zwischen Trübsal, fröhlich herausposauntem Selbstmitleid und Ausgelassenheit schwankend, wiederholt sich eher, als dass sie auf den neuesten Stand gebracht würde.

    Dementsprechend folgt auf den romantisch schmachtenden, durchaus gelungenen ›Sirensong‹ mit »The Real Snow White« das gitarrenlastige, fast übermütige Gegenmittel, dargereicht als bitteres Eingeständnis, dass es so einfach mit dem Versprechen der ewigen Liebe nicht sein wird: »I made a promise to myself / I wouldn’t start with anyone else but … / You know how it is with these promises / Made in the heat of the moment / They’re made to be broken in two.« Diese Binsenweisheit sollte wiederum ausschließlich für arg verträumte Schwärmer eine Neuigkeit darstellen. Mit dem frei nach Rainer Werner Fassbinder betitelten »Sleep When I’m Dead« geht es schließlich unausweichlich dem Ende entgegen – und das wird durch »The Scream« und »It’s Over« doch noch furios.

    Trotzdem können selbst die beiden heftigen Rausschmeißer den Eindruck nicht abschwächen, dass – darf man es einmal so deutlich sagen und Smiths letzten Song beim Wort nehmen – die großen Zeiten von The Cure längst vorbei sind. »4:13 Dream« ist ein grundsolides Album mit einigen schattigen, charttauglichen Lichtblicken, doch werden die meisten Fans darin vermutlich nur noch nach Überresten längst kanonisierter Hits suchen und auf den Konzerten hoffen, genau jene in den Zugaben zu hören. Es pflegt nostalgisch die Wunden der Vergangenheit, birgt für die Zukunft allerdings nur geringe Heilungschancen. Smith hat schon recht, wenn er abschließend quengelt: »I can’t do this anymore.«

LABEL: Universal Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 24.10.2008

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