Review: The Cinematic Orchstra Man With A Movie Camera

In Städten wie London hat es eine lange Tradition, hier ist es leider noch selten. Avanciert poppige, irgendwie experimentelle Projekte wählen einen Superfilm und spielen live ihren Soundtrack dazu. Wie ham wer doch jeglotzt, als Scanner im Imax Godards »Alphaville« neu vertonte! Jetzt also das cineastische Orchester mit dem Avantgarde-Dokuheld Vertov und seinem Classic.

    Wobei, nebenbei, beim Gig letztens in Köln gab’s auch zweifelhafte Gedanken. Die Mucke kennen wir doch schon! Haben die Jungs jetzt echt einfach ihre Tracks vom letzten Album so formatiert, dass sie eben irgendwie zum Film passen? Wie lieblos. Wie unkreativ. Aber Quatsch. Das Orchester von J. Swinscoe hat schon vor dem letztjährigen Album »Everyday« die Stücke für den Film geschrieben, seit über einem Jahr touren sie durch die Lande, um den Soundtrack zu performen, Premiere war schon 1999, das Publikum jubelte, die Idee war gut. Besonders die ersten fünfundzwanzig Minuten: Während sich der nach Wahrheit suchende Mann mit der Kamera in die Stadt begibt und seine Kamera aufbaut, hat die musikalische Untermalung, die ständige Steigerung, der langfristige Aufbau eine erhebende Größe. Man guckt und ist platt – was aber nicht zuletzt dem immer noch extrem wundervollen Film zu verdanken ist.

    Vertov zieht seine Vision vom Kino, welches die soziale Wahrheit besser erkennen könne als die menschlichen Augen, beeindruckend durch. In diesem Stummfilm werden fast gleichzeitig utopisches Ziel, Alltags-Realität und filmische Reflexion ausgelotet. Doch irgendwann geht der Mund wieder zu, bald wundern wir uns: Zu bolschewistischen Bergarbeitern, in Höhlen schuftend, erfrischende Jazz-Melodien? Naja. Manchmal scheint es fast zufällig, wann Bild und Ton in der Korrespondenz ihre Einheit finden. Bei aller Liebe und Freude an diesem viel zu selten veröffentlichten Projekt, tut die Musik des Orchesters nicht mehr als das, wozu sie halt da ist. Sie untermalt. Geschmackvoll, aber unverbindlich.

LABEL: Ninja Tune

VERTRIEB: Zomba

VÖ: 16.06.2003

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