Review: The Chemical Brothers We Are The Night

Mit einem weiteren programmatischen Titel schicken The Chemical Brothers ihr mittlerweile sechstes Studio-Album ins Rennen um die Gunst der nach wie vor bestehenden Raving Society. Diesmal liest sich ihr Manifest wie ein Aufruf zur sanften Revolution in La-La-Land: »We Are The Night« – wir sind das Party-Volk! Keine aggressive Kampfansage mit dem Aufruf zu einem gewaltsamen Militärputsch auf dem Dancefloor, sondern eher ein Statement, um ihre Rolle innerhalb der internationalen Elektronik-Szene zu bekräftigen, die Tom Rowlands und Ed Simons seit nunmehr 18 Jahren entscheidend mitgestaltet und -geprägt haben. Nach »Exit Planet Dust«, »Dig Your Own Hole«, »Surrender«, »Come With Us« und »Push The Button« nun eben ein Postulat zum Status Quo ihres nokturnen Einzugs- und Einflussbereiches.
    Die Wegbereiter des Bigbeat, der einen gefühlten Sommer lang den Takt für die weltweite Feier-Posse vorgab, haben sich spätestens seit ihrer dritten Platte »Surrender« als Godfathers of Rave etabliert und den Spagat zwischen Massenkompatibilität und Mainstream auf der einen Seite sowie Authentizität und Seriosität auf der anderen gemeistert. Auf »Surrender« verabschiedete sich das Duo aus Manchester, der Wiege der britischen Dance-Kultur, teilweise von den eng gesteckten Koordinaten des doch recht überschaubaren Break- und Bigbeat-Kosmos und öffnete sich einem pop-affinen Eklektizismus angesichts von Singles wie »Let Forever Be« oder »Out Of Control«. Jene Stücke orientierten sich klar an klassischen Songstrukturen, bei beiden hatten die alt gedienten Pop-Heroen Noel Gallagher und Bernard Sumner ihre Finger mit im technoiden Spiel. Bei dem persönlichen Faible für klassisches Songwriting im Stile der Beatles, Bob Dylans und The Smiths war dieser Schritt geradezu eine logische Konsequenz und ebenso ein Zeichen von gewachsenem Selbstbewusstsein.

    Diesmal ist die Bandbreite der Musiker noch breiter und illustrer: Sie reicht von Pharcyde-Rapper Fatlip – der auf »The Salmon Dance« den Lebenszyklus der Lachse dokumentiert – über die Klaxons-Kollaboration »All Rights Reserved« bis hin zu Gemeinschaftsproduktionen mit US-Songwriter Willy Mason, Newcomer Ali Love oder Midlake-Sänger Tim Smith. Herausragend ist auch die Spoken Word-Performance des kanadischen Dichters Bill Bissett, der auf dem Titeltrack einen Auszug aus seinem Gedicht »an ode to d. a. levy« rezitiert: »We are the night skies / We are the bright eyes«. Ein Treffen der Generationen und stilistischen Konventionen, für das Tom Rowlands und Ed Simons die umfassende Klammer gezimmert haben: Psychedelische Soundscapes (»We Are The Night«), Synthie-lastige Tracks als eigenständige Interludes (»Saturate« / »Burst Generator« / »Harpoons«), melancholische Neo-New Wave-Hymnen (»A Modern Midnight Conversation«), treibende Stomper (wie bei der ersten Single »Do It Again«) oder der fast schon notorische elegisch-verträumte Closer einer Chemical Brothers-Platte, der diesmal »The Pills Won’t Help You« benannt wurde. Das erinnert nicht nur aufgrund der inhaltlichen Nähe an das kongeniale »The Test« mit Richard Ashcroft aus dem Jahr 2002, es ist auch von derselben (atmo)sphärisch-flirrenden Aura umgeben.
    »We Are The Night« ist das bislang kohärenteste Album der Chemical Brothers, auch wenn die Hit-Dichte diesmal etwas dünner ausgefallen ist als sonst. Darunter leidet der Gesamteindruck allerdings überhaupt nicht, denn nach wie vor stimmt einfach die Chemie zwischen den Brüdern.

LABEL: Virgin

VERTRIEB: EMI

VÖ: 29.06.2007

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