Review: The Chemical Brothers Push The Button

Falls es jemanden interessiert: The Chemical Brothers sind meine elektronische Lieblingsliveband, unerreicht. Für dieses Geständnis hole ich mir, besonders bei meinen Kollegen der DJ- und Produzentenzunft, gerne mal das ein oder andere ungläubige Kopfschütteln ab. Doch wenn die chemischen Brüder im Geiste mit ihrem gewaltigen Maschinenpark auf einer Festivalbühne thronen, gesichtslos verborgen hinter ihrer Burg nur den SOUND sprechen lassen, sehe ich regelmäßig zehntausende Kids united, mit zwanzigtausend Fäusten Bassdrums in den Himmel malend, tanzen, rocken, strahlen. Die unantastbaren Meister des aus dem unbändigen, akkumulierten Mischmasch der Neunziger geborenen Eklektizismus, sind dabei immer auch ihr eigenes Publikum, sind selbst Nostalgiker, Nerds, Fans, Raver, Ex-Studenten, Pub-Lads, Stadion-Rocker, Popisten und musikalische Globalisten. Tom Rowlands und Ed Simons haben mehr als all ihre Zeitgenossen (The Prodigy, Orbital, 808 State, Primal Scream etc.) und historischen Vorbilder (New Order, Public Enemy, Kraftwerk etc.) eine chemische Verbindung aus Beats, Sounds und Melodien zusammengerührt, die eigentlich jeder instinktiv verstehen kann, von der jedoch kaum jemand als kalkuliertem Crossover-Mainstream-Patchwork-Esperanto sprechen würde. Ihre Hits, Hymnen, Remixe und Kooperationen sind Tanzmusik-Legenden ohne fahlen Beigeschmack. Die an sich einfach gestrickte, pointierte, hedonistische digitale Poprock-Mixtur, die uns die Chemicals seit nunmehr elf Jahren um die Ohren hauen, entstammt eben einer oft zitierten, aber selten gelebten Offenheit für die Universalität von populärer Musik. Und ihre Wurzeln liegen mindestens sechs Fuß tief im Pop- und Dance-Underground der frühen Neunziger. The Credible Brothers.
    Und »Push The Button« macht einfach weiter. Mit den bewährten, blind beherrschten Mitteln, mit auserlesenen Gästen (Q-Tip, Tim Burgess, Bloc Party-Sänger Kele Okereke, Anwar Superstar, Anna-Lynne Williams), zeitlosen Referenzen – und dem rhythmischen Zaubertrank, dessen Rezeptur nur sie allein kennen: den »Block Rockin´ Beats«.
    Anders etwa als ihr, sagen wir mal, deutsches Pendant Alter Ego (was Background und Struktur des Projekts betrifft), haben sie ihre stilistischen Vorlieben nie segmentiert oder ausgelagert, ihre historischen Einflüsse bzw. ihr Wissen um die Popmusik des 20. Jahrhunderts nie großartig abstrahiert, sich auch niemals auf eine ideologische Mission versteift. Die Chemical Brothers haben diese große Geste des Alle(s)-Umarmens im Repertoire, und doch können sie sich jederzeit auf einen festen Kern, eine Herkunft, einen Ort und eine Zeit berufen. Von da kommen sie her, dorthin zieht es sie bald: die Rave-o-lution, die die Pop-Welt vor fünfzehn Jahren aus den Angeln hob. Sie rudert immer noch mit den Armen.

LABEL: Freestyle Dust / Virgin

VERTRIEB: EMI

VÖ: 28.02.2005

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