The Bug Angels & Devils

The Bug lockt auf Angels & Devils mit Sanftmut auf die falsche Fährte, nur um die Bassgranate mit umso mehr Nachdruck detonieren zu lassen – nun auch mit Stream zum Reinhören. 

Auf der einen Seite des Granitrückens liegt die Sonne, hier ist es hell, hart, heiß. Auf der anderen herrscht der Schatten, dunkel, weich, kühl. Am Gipfel vereinigen sie sich, beide Seiten untrennbar zum Selben verbunden, einander bedingend: zum Berg. So ungefähr wird sich Kevin Martin das gedacht haben mit dem etwas simplen dual-dichotomischen Konzept seines vierten The Bug-Albums (Tapping The Conversation von 1997, sein finster schleppender Fiktiv-Soundtrack zu Francis Ford Coppolas Paranoia-Schleicher The Conversation, wird beim Zählen gern vergessen). Er hat es Angels & Devils genannt. Ja ja, die dunkle Seite der Macht und die, ähm, helle.

Mit letzterer geht es los. Die ersten sechs Stücke mit den Stimmen von unter anderem Inga Copeland, der Ambient-Drone-Sirene Liz Harris oder dem allmächtigen Gonjasufi sind beherrscht von Blubbern, Schweben, Melodie. Fast schon altersmilde wirkt das, schließlich müsste der Panzer von einem Mann, der Kevin Martin ist, jetzt auch schon über 50 sein. Selbst wenn er mit seiner harten Schale aus Sonnenbrille, Kapuze, Baseballcap immer jünger wirkt. Aber vielleicht hat er, dessen Musik als The Bug bislang überwiegend klang, als könne hier jemand seine Wut nur mit allergrößter Mühe zu Riddims bändigen, ja auch von seinem Nebenprojekt King Midas Sound gelernt, wo er erstmals durchgängig fragile Schönheit zuließ. Sogar ein Orgel-Instrumental gibt es hier, und durch all die Verzagtheit über die Ausweglosigkeit des Seins scheint sogar mal so etwas wie Zuversicht durch. Aber da heulen im Hintergrund schon die Sirenen.

Dann, nach exakt der Hälfte der Laufzeit, siehe Dichotomie, Antagonismus et cetera, detoniert die große Bassgranate doch noch. Ihre Druckwelle rollt durch die Straßen, die Fundamente bersten, die Grundstimmung: Panik, nichts wie raus hier! Oder besser: Nichts wie rein da! Dann geht es wieder stiernackig, stoisch und unerbittlich zu, so wie Martin es gelernt hat während einer Jugend mit Schlägereien und Alkohol, Discharge und Crass, später auch New York Noise und Jah Shakas Disciples. Der sympathisch verkniffene Justin Broadrick, ehedem Napalm Death, immer noch Godflesh, mit dem Martin früher zusammen das Freejazz-Metal-Projekt God betrieben hat, schwingt die Postmetal-Gitarre. Dazu skandieren bewährte Haudegen wie Manga und Flowdan vom Roll-Deep-Kollektiv oder die grandiose Warrior Queen. Letztere liefert mit dem bündig betitelten »Fuck You« am ehesten so etwas wie einen Nachfolger zu The Bugs größten Hits bislang, »Skeng« zusammen mit Killa P und Flowdan sowie »Poison Dart« mit eben Warrior Queen, beide von 2007.

Damit geht es mehr oder minder da weiter, wo der Vorgänger London Zoo vor auch schon wieder sechs Jahren aufgehört hatte: Riddims wie die rohen Betonwände von Martins Studio, gebellte Vocals, Hass und Bass, dazwischen auch mal ein 2014-Update von Grime. Als hätte Kevin Martin seine neue Einfühlsamkeit nur angetäuscht. Aber, klar: One side is for dancing, one for romancing, ohne Darth Vader kein Luke Skywalker, ohne Tag keine Nacht. Erst beides zusammen eröffnet Handlungsspielräume mit unendlich vielen Möglichkeiten.

 

Vier Tracks aus dem Album gibt es nun auch als Stream:

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