Review: The Autumn Defense The Autumn Defense

The Autumn Defense erinnern an eine vermeintlich unschuldigere Zeit. Eine, in der Musik noch nicht downloadbar war, Menschen noch keine Festplatten tauschten und Computer in der Regel die Ausmaße von Waschmaschinen besaßen. Das dritte Album des Projekts um die beiden Mitglieder der amerikanischen Alternative-Country-Band Wilco, John Stirratt und Pat Sansone, ist wieder zu einer Organizität in ganz großen Lettern schreibenden Studie aus dem Fachbereich ›weltumarmende Melancholie‹ geworden. Die warmen Harmonien von Simon & Garfunkel treffen auf den streicherunterstützten Sinn für Dramatik, den Love 1967 auf ihrem Meisterwerk »Forever Changes« zelebrieren und der so hörbar auf die Belle And Sebastian der Prä-Northern-Soul-Phase wirkte. Dazu gesellt sich ein Hauch Psychedelic-Art-Pop, wie man ihn von The Chocolate Watch Band, Roger Bunn oder The Kinks anno 1968 kennt, allerdings ohne dass hier die Formulierung von Sehnsüchten und Stimmungen einem Willen zur effektverliebten Spielerei aufgeopfert würde.

    Mit »City Bells« enthält das selbstbetitelte Album, das in den USA schon Anfang letzten Jahres erschien, auch einen kontemplativ-versunkenen Bossa-Nova-Ausflug. Von den einander abwechselnden Sängern ist Stirratt im Vergleich zu Sansone der charismatischere. Er klingt ein bisschen wie der junge Paul McCartney. Die von viel Liebe zum Detail geprägten Arrangements sind geschmackvoll, aber nie geschmäcklerisch. Zu hören sind neben barocken Cembaloklängen, Flöten und immer wieder hinreißenden Kammermusikstreichern auch ein sporadisches Waldhorn, eine Trompete und ein Clavinet. Es spricht dabei für die Qualität der Songs, dass sie von all diesen Klangfarben nicht schichtdick überpinselt werden, sondern auch allein mit akustischer Gitarre und Bongos funktionieren würden.

    Die musikalische Entwicklung der letzten 40 Jahre nehmen The Autumn Defense auf stoische Weise nicht zur Kenntnis. Die Jetztzeit kommt weder formal noch inhaltlich vor. Handys, MP3-Player, Gentechnologie, Supermarktkassenscanner, war on terror – nichts. Stattdessen: Liebe, Blätter, Erinnerungen an einst, noch mehr Liebe. Privatismus rules.

    Die Atmosphäre der Stücke ist sehr laid back. Kein noch so amouröses Anliegen, das hier mit einer Dringlichkeit vorgebracht würde, welche die Aufmerksamkeit des Zuhörers in Fesseln schlüge. Demzufolge ertappt man sich dann auch bei rezeptionsfremden Tätigkeiten: Wein dekantieren, Gummibaumblätter entstauben, umherliegende Bücher wegsortieren. Mit »The Autumn Defense« geht es mir mitunter wie mit Alben von The High Llamas oder Lambchop: Sie sind wunderbar arrangiert, jede Nuance sitzt, man merkt, dass man es mit musikhistorisch gebildeten Leuten zu tun hat, die die wichtigen Sachen kennen – und doch ist das Ganze so spannungsarm wie ein Jane-Austen-Roman an einem nicht enden wollenden Sonntagnachmittag.

    Fazit: The Autumn Defense haben das erwartet niveauvolle Album aufgenommen. Das ist nicht wenig, aber keineswegs genug, um niederzuknien.

LABEL: Broken Horse Records

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 14.04.2008

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.