Review: Tahiti 80 Wallpaper For The Soul

Sich an Tahiti 80 aufzureiben, ist ein bisschen so, wie einer alten Frau ein Bein zu stellen: nicht nur unfair, sondern auch hochgradig unbefriedigend, da man keinen wirklichen Widerstand fühlt, gegen den man ankämpfen müsste. Und da es sich bei Tahiti 80 noch dazu um nicht gerade selbstbewusst zu nennende Franzosen handelt, die einem noch vor dem ersten Schlagabtausch bereitwillig beide Wangen hinhalten, die Augen schließen und warten, dass man mitten reinhaut. Zum Reiben braucht es aber Gegendruck, sonst reibt man schnell alleine – und damit bloß sich selbst auf. Wissen diese Franzosen denn nicht, dass man zwar nicht gerade größenwahnsinnig, aber doch zumindest zu einem gewissen Grad von sich selbst eingenommen sein sollte, wenn man anderen Menschen sein künstlerisches Schaffen darbringen will? Das erste Tahiti 80-Album war gut und schön, ja fast schon bezaubernd. Man konnte sich über die vollkommene juvenile Verspieltheit der sonnigen Gitarrenarrangements freuen und war zufrieden. Wenn man sich jetzt aber den Titel des zweiten Albums anguckt, hat man das Gefühl, die Franzosen wussten um diese Tatsache und fühlten sich in dieser Rolle nicht wohl. »Wallpaper For The Soul« wirkt wie eine verspätete Entschuldigung für die Nettigkeit oder aber, als ob man dieser Anschuldigung mit beißender Ironie begegnen möchte. Beißende Ironie ist nur leider schwer zu vermitteln, wenn man sich musikalisch im Zauberland der geschmäcklerischen Freundlichkeit bewegt und durch das Hinzufügen von Dub-Elementen, Bläsersätzen und Streicherarrangements zum ursprünglichen Sound versucht, es irgendwie jedem recht zu machen. »Wallpaper For The Soul« klingt deshalb leider nur wie ein krampfhafter Versuch, erwachsen und endlich ernstgenommen zu werden, obwohl man, wenn man genau zuhört, sehr schnell bemerkt, dass es sich bei Tahiti 80 um durchaus fähige, versierte Musiker handelt. Sich weiterzuentwickeln ist eine sehr noble Angelegenheit, aber bitte nicht aus den falschen Gründen, sonst gibts nämlich nur die Tapete für die Seele – und nicht wie bei anderen Leuten: echten Soul.

LABEL: Virgin

VERTRIEB: EMI

VÖ: 28.10.2002

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