Review: Swod Sekunden

Es ist schwierig, über die Musik von Oliver Doerell und Stephan Wöhrmann zu schreiben, wenn man sich vor dem Wort »Kopfkino« ein bisschen ekelt. Ein repetitives Pianomuster erklingt, Saties berühmten »Gymnopédie«- und »Gnossienne«-Etüden nicht unähnlich, aber weniger meditativ. Es herrscht ein höheres Maß an Dynamismus, das eher an den belgischen Minimalmusiker Wim Mertens oder einige Repetition-Variation-Patterns Michael Nymans denken lässt, ein wenig auch an die Klavier-Impromptus, welche Yann Tiersen letzthin immer mal wieder zwischen seinem orchestralen Minimalisten-Pop platzierte. Auch die späten Labradford (»E luxo so«, 2000) kommen in den Sinn.

    Diesen Klaviertupfern werden dann nach und nach verrauschte Field Recordings hinzugefügt, während ein wiederkehrender Bassakkord die Atmosphäre vor dem Allzu-idyllisch-Werden bewahrt. Nach einem perpetuierlichen Crescendo ist »Montauk«, das erste Stück des zweiten Swod-Albums, zu Ende. Doerell – der Gitarre, Bass sowie Elektronik bedient und bereits unter dem Namen Dictaphone veröffentlichte – und Wöhrmann – der für Klavier und Schlagzeug verantwortlich zeichnet – trafen sich erstmals 1991 in Berlin. Zusammen haben sie bereits Soundtracks für Stummfilme geschrieben, eine Kollaboration, die sie auf »Sekunden« fortsetzen – nur eben ohne Film (wenngleich mit einigen Film-Samples sowie zwei von Steffen Ramlow gedrehten und mit Musik vom Album instrumentierten Kurzfilmen als CD-Extras).

    In den faszinierendsten Momenten hat das etwas von den beiden großartigen Alben, die Brian Eno zusammen mit Harold Budd einspielte – »Ambient 2 / The Plateaux of Mirror« (1980) und »The Pearl« (1984). Häufiger indes klingt es, als hätten sich Erik Satie, Morton Feldman und der wunderbare Miniaturist Frank Schültge Blumm zum Wohnzimmerkonzert in einer Musikstudenten-WG getroffen. Die der Klavierverträumtheit entgegengesetzten Störgeräusche kontrapunktieren eher als zu stören. Auf dem Stück »Insects« werden perlende Klavierarpeggios an verstärkte Insektengeräusche gehalten. Merkwürdige, glitchy, doch im Ganzen unbedrohliche Synthies stimmen in den summenden, fiepsenden und zirpenden Reigen mit ein, bevor das Stück vergeht, und man muss dabei natürlich an Graeme Revells wunderbares, komplett insektenklangbasiertes Album »The Insect Musicians« (1986) denken. Im palimpsestartigen Schlussstück »Patinage« knispelt es in schönster Oval-Tradition, bevor sich ein erhebendes Zusammenspiel aus Klavier und Schlagzeug von allen irdischen Begrenzungen befreit und himmelwärts schraubt. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, als fürchteten sich Swod ein wenig vor der allzu euphonischen Schönheit, vor einem Wohlklang, der eben nicht mehr durch Zerfaserungsprozesse und – gewiss kluge, keine Frage – Frickelbearbeitungen einer Relativierung unterzogen wird.

    Wir leben im postholistischen Zeitalter, dessen desintegrative Tendenzen ihr Echo im verbreiteten Betreiben nicht mehr schöner Künste finden. Das Schöne ist ästhetisch suspekt geworden, weil es Ausdruck einer naiven Weltsicht zu sein scheint, und muss daher gebrochen oder ironisiert werden. Labradford war es irgendwann egal, ob man sie für neoklassisch hält oder nicht – und Bands wie In The Nursery haben sich dieses Attribut gar offensiv ans Revers geheftet, nicht ohne deshalb bezeichnenderweise mit dem Ruch des zumindest ästhetischen Totalitarismus leben zu müssen, aber auch ganz gut zu können. Man darf gespannt sein, wohin der noch recht kurze Weg Swods am Ende führen wird.

STREAM:
Swod – Deer

 

LABEL: City Centre Offices

VERTRIEB: Hausmusik

VÖ: 07.09.2007

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