Review: Supergrass Diamond Hoo Ha

Es ist das sechste Album der ehemaligen Teenie Bopper des Britpop. Festzustellen ist: Sänger Gaz Coombes trägt unverzagt seine raumgreifenden Koteletten. Dieser Backenbart, bekannt seit dem Erscheinen des Megasellers »I Should Coco« im Jahre 1995, steht emblematisch für Kontinuität und Tradition der Band. Tatsächlich weichen Supergrass immer noch kaum von sich selbst ab. Die Songs bewegen sich wie gehabt zwischen den Polen Pop-Punk und Glamrock, zwischen Buzzcocks und Bowie, mit präzise gesetzten Ausschlägen Richtung Saints (bei den Bläsersätzen), Richtung Strokes und Jam, Iggy (beim Gesang) und Eagles (bei den Melodien).

    »Diamond Hoo Ha« wurde teilweise in den Berliner Hansa Studios aufgenommen, also an jener Stätte, an der unter anderem die Bowie-Alben »Low« und »Heroes« entstanden. Mit »The Night Shines Like Fireflies« ist kürzlich ein slickes Coffee-Table-Book des Fotografen Greg Allum erschienen, das Supergrass im Hansa Studio zeigt. Offenbar wollen Supergrass diesen Produktionsort weniger als technologische Basis denn viel eher als symbolischen Überbau verstanden wissen. Schließlich fanden sie das eingedreckte Studio nach eigener Aussage quasi außer Funktion vor. Spätestens jetzt dürfte Damon Albarn aus dem Off mosern. Meint er nicht genau solche Pfadaustreter wie Supergrass, wenn er die mangelnde Experimentierfreude erfolgreicher Ex-Britpop-Bands anprangert? Von kurzen E-Punk-Anmutungen und ein paar Mal im Hintergrund daddelnden Improv-Bläsern abgesehen, hält »Diamond Hoo Ha« tatsächlich kaum nennenswerte klangästhetische Irritationen bereit. Der Gesang klingt leicht anhysterisiert, die Melodien sind eingängig. Das Anliegen, all den Epigonen und Gschaftlhubern zu zeigen, wo der Hammer hängt, ist unüberhörbar. Zwar sind die Arrangements kleinteiliger und connaisseurhafter geworden, im Großen und Ganzen lebt »Diamond Hoo Ha« aber von aufbrandenden Überwältigungsgitarren und einer unskeptischen Energie, die vor allem sich selbst will. Dass Produzent Nick Launay früher mit PIL und Gang Of Four gearbeitet hat, macht sich gut im Presseinfo, bleibt jedoch reichlich folgenlos. Aber für Soundeskapaden wurden Supergrass eben auch nicht erfunden, ihr Programm ist auf Konsistenz angelegt.

    Vorwerfen darf man ihnen ihren knuffigen Backenbart-Traditionalismus aber trotzdem: Der von Supergrass als Referenz ausgesuchte Glamrock – immerhin eine Musikrichtung, die einst die Befreiung aus dem (männlichen) Identitätsknast versprach – wird hier zum Container für die besänftigende Botschaft, dass Eies völlig in Ordnung ist, wenn man immer schön mit sich selbst identisch bleibt. Aber vielleicht ist das ja in Zeiten des flexibilisierten und flexibilisierenden Kapitalismus schon wieder eine dialektische Finte (wenn hier auch bestimmt nicht so gemeint). Keine Frage, es rockt und macht gute Laune – obgleich wir gut vierzig Minuten diesseits des Reichs der Möglichkeiten verharren müssen.

LABEL: Parlophone

VERTRIEB: EMI

VÖ: 28.03.2008

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.