Review: Sun Kil Moon April

Die Einsamkeit des Singer-Songwriters ist vergleichbar mit der des Boxers im Ring. Beide kämpfen allein, der eine mit seinem Gegner, der andere mit sich und der Welt. Nirgendwo sonst, außer beim Boxen und in Singer-Songwriter-Songs, werden Niederlagen auch so groß und schmerzvoll erlitten. Bei Mark Kozelek vereint sich beides: Auf seinem Debüt »Ghosts Of The Great Highway« von 2003 besang er als Sun Kil Moon Aufstieg und Fall der Boxlegenden Salvador Sánchez, Pancho Villa und Duk Koo Kim; als Namenspaten für seine Musik wählte der ehemalige Frontmann der Red House Painters den koreanischen Bantamgewichtler Moon Sung-Kil.

    Auf seinem Zweitwerk »April« wird das Boxen in den Texten nun nicht mehr konkret thematisiert, der Kampf jedoch geht weiter – mit Gefühlen, Leid und Leben. In elf halbakustischen Schmerzballaden zwischen Nick Drake und Elliott Smith beschwört Kozelek eine lange nächtliche Reise, Ziel: der Tag. »Shapes and shadows move in and out / And hover round my bed / Voices arrive and disappear / I wanna talk to them« (»Lost Verses«). Es sind die Geister der Vergangenheit, die den Mann aus San Francisco rufen, das Trauma einer verkorksten Jugend, der frühen Drogen- und Alkoholsucht. Der nostalgische Blick zurück und das Nicht-loslassen-Können. Deshalb dauert die Platte ganze 74 Minuten, und »Tonight In Bilbao « braucht fast zehn Minuten, bis der letzte Tropfen Wehmut verklungen ist. Kozelek möchte aber keineswegs langweilen, eher baut er mit seinen Songs Monumente gegen die dahinfließende Zeit, mit E-Gitarre, Banjo, Kontrabass und Drums. Seine Verse sind vertonte Gedichte, die – nicht zuletzt aufgrund ihrer emotionalen Tiefe – an die Lyrik William Blakes und T. S. Eliots denken lassen. »Nights Of Passed Over« heißt deshalb der limitierte Gedichtband, der parallel zum Album erscheint. Auf »April« gesellen sich dann noch Bonnie »Prince« Billy und Ben Gibbard von Death Cab For Cutie als Gastsänger hinzu, sie bleiben jedoch dezent im Hintergrund. Nie war Mark Kozeleks Gesang sanfter und brüchiger und gleichzeitig so erhaben, durchdrungen von schonungsloser Ehrlichkeit und entwaffnender Schönheit. Und weil das so grundheraus ehrlich klingt, empfindet man es auch nie als peinlichen Gefühlskitsch.

LABEL: Caldo Verde

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 04.04.2008

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