Review & Stream: Untold Black Light Spiral & Lucy Churches Schools And Guns

Untold Black Light Spiral
UNTOLD

BLACK LIGHT SPIRAL
HEMLOCK
ALBUM – 24.02.2014

Lucy Churches Schools And Guns
LUCY

CHURCHES SCHOOLS AND GUNS
STROBOSCOPIC ARTEFACTS ALIVE
ALBUM – 21.02.2014

DJs, was wollt ihr sein, Kanzel-Dienstleister oder Eremit? Untold und Lucy sagen: Weder noch!, und präsentieren mit ihren neuen Alben Black Light Spiral bzw. Churches Schools And Guns zwei Alternativen. Die Rezension samt Streams:

Im Club wird elektronische Musik von der Feierlaune angetrieben, im experimentellen Bereich von einer nerdiger Neugier. Im einen Fall laufen Musiker Gefahr, von der Crowd wie dressierte Affen vor sich her getrieben zu werden. Im experimentellen Bereich fehlt oft das Gegenüber. Der in Berlin lebende, aus Italien stammende Techno-Produzent und DJ Lucy und der Breakbeat-lastiger Bass Music verschriebene Untold aus London könnten kaum unterschiedlicher sein. Die unglückliche Alternative zwischen Dienstleistung und Isolation brechen beide auf. 

Untold erfindet sich im Zweijahrestakt neu: Auf düsteren, hermetischen Dubstep folgte poppiger, Vocal-lastiger UK Funky und zuletzt bolzender Techno. Als Teil der nach neuartigen Stilprägungen gierenden Londoner Dance-Szene versucht er, den nächsten Hype mit zu formen.

Für solche Brüche interessiert sich Lucy nicht. Seine Tracks und Sets etwa im Berghain verschmelzen das aktuell Angesagte mit Tracks aus einer Zeit, als anspruchsvoller Techno noch ein Thema für wenige Eingeschworene war. Seine Leidenschaft für Musik erschöpft sich nicht in der Clubmusik: Er ist ausgebildeter Perkussionist und hat klassische indische Musik studiert. Das Außen fließt bei Lucy weniger als fremder Blick in die Musik ein, sondern ganz unmittelbar als Klang. 

Untold hatte mit »Little Things Like That« und »Motion The Dance« zwei Aufsehen erregende Hits, die den Breakbeat-Bass-Sound (früher sagte man Dubstep dazu) mit geradlinigem Techno verschmolzen und in den unterschiedlichsten Szenen und Kontexten gefeiert wurden. Auf seinem Debütalbum schlägt Untold jetzt schon wieder ein neues Kapitel auf. Um Party und Tanzen geht es nicht mehr, sondern um die Präsenz und die Brutalität von elektronischen Sounds. Mit Sirenen, digitalen Drones, Distortion und infernalischem Gehämmer erschafft er ein scharf gestochenes Bild des totalen Kollapses.

Einen solchen Sprung macht Lucy auf seinem zweiten Album Churches Schools And Guns nicht, sein Sound hat sich auf subtilere Weise verändert. Techno klingt hier nicht mehr gewaltig und laut. Die Grooves sind zurückgenommen und selbstverständlich wie der eigene Herzschlag. Sie strukturieren den Klangraum, ohne ihn auszufüllen. Bei den darin platzierten Klängen geht es weniger um Harmonien und Melodien, als vielmehr um Atmosphären und Stimmungen. Statt den Sounds eine bestimmte Bedeutung oder einen bestimmten Effekt zu unterstellen, stehen sie für sich selbst. Lucy arbeitet mit einem großen Analogsynthesizersystem, das für einen warmen, organischen, geheimnisvollen, ja sogar unberechenbaren Klang sorgt. Er hat eine Leidenschaft für Field Recordings, die in die Tracks einfließen. 

Untold glaubt nicht an die Magie analoger Hardware oder realer Orte. Der Londoner schwärmt von der Tiefe und Komplexität digitaler Klangräume. In dieser Hinsicht ist Black Light Spiral sensationell: Untold treibt die Plastizität der Musik ins Extreme. Das Album ist ein Kräftemessen. Es kommuniziert sich als Magnum Opus. Eine neue Generation von Fans, die ihrem Helden nacheifern und ihn eines Tages überbieten werden, ist schon mitgedacht. Das Bestreben, das coolste Kid im Block zu sein, treibt Untold auch inhaltlich ins Extreme, Apokalyptische. Aber sein Sound-Feuerwerk ist schnell abgebrannt.

Lucys Klangmeditationen haben mehr Nachhall. 

Pitchfork Advance streamt derzeit Black Light Spiral vorab.

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