Review: Sport / Pendikel Aufstieg und Fall der Guppe Sport / Don’t Cry, Mondgesicht

Es gibt Platten des Monats in unserem Magazin, die sind ein sich lange im voraus ankündigendes Naturereignis im SPEX-Maßstab: Genregrenzen sprengende Werke, Überraschungen oder Alben, die einfach nur Pop sind, Spaß machen und deren Namen möglichst prominent in die Welt posaunt gehören. Selten hat man es allerdings mit Platten wie diesen beiden zu tun, die vom ersten Kriterium weit entfernt sind, dafür umso mehr von den nach dem Doppelpunkt genannten verkörpern, und deshalb herausstechen, weil sie trotz Rückgriff auf bekannte musikalische Techniken und Spielweisen etwas so noch nicht Gehörtes erschaffen. Für uns stellt sich hier aber auch die Frage: Wo verdammt steckt das dazugehörige Publikum? Es zu finden und jene anzuleiten, die noch gar nicht wissen, dass sie dies hier gesucht haben, ist der missionarische Teil exponiert platzierter Rezensionen.

    Sport kommen aus Hamburg, und weiter vorne im Heft findet man bereits einiges über das Trio zu lesen, dem ich sinngemäß vor gut zehn Jahren an dieser Stelle gewünscht habe, bitte »groß zu werden«. Wir wissen: Es hat nicht wirklich geklappt bisher, aber die Herren sind mit ihren anderen Bands und Lebensaufgaben (u.a. Künnecke & Smukal, Kante, Musikalienhandlungen betreiben u.a.) auch so ganz gut beschäftigt. Ihr zweites Album nun besticht durch einen schonungslosen Umgang mit Rockspielarten, wie man ihn vornehmlich in den 90ern hören konnte. Grunge und so. Hier Soundgarden, dort Mudhoney. Sport haben Spaß an Übertreibung, an der Dramatik von Breitwandgitarren und -arrangements – und manchmal, zu hören in »Wie Ameisen«, beschließen sie einen Song auch mit einem Gitarrensolo, nach dem sich J. Mascis die Plektren lecken würde. Passt so weit ja ins Grungebild. Revival anyone? Es wird kommen! Oder ist es vielleicht schon längst da?

    Mit »Aufstieg und Fall …« jedenfalls zelebriert die Band um Sänger und Gitarrist Felix Müller ein elegantes Songwriting, das sehr gekonnt Stimmung zu erschaffen vermag und immer auf die direkteren Gesten setzt. Dass das alles so gut wirkt, liegt auch an den mitbesten Texten der jüngeren deutschsingenden Rockvergangenheit (und Müllers prima Singstimme). »Ein Ende« fasst z.B. wie kein Song zuvor das Elend dessen zusammen, was man in der Musikindustrie »A&R« nennt. Sport wissen genau, was sie persiflieren, und ich weiß, worüber es sich aufzuregen lohnt: Der Legende nach haben fast alle passenden Plattenfirmen diese Platte auf dem Tisch gehabt und entweder (wahrscheinlich) »die Single nicht gehört« oder sie teilweise (verbrieft) gar nicht erst gehört. Dabei wäre sie für beinahe jedes Label der Höhepunkt des Jahresprogramms gewesen. Egal, sie ist ja da.

Pendikel - Don’t Cry Mondgesicht    Ein holpriger Übergang entsteht an dieser Stelle u.a. durch die Tatsache, dass ebenfalls etwas weiter vorne im Heft Carsten Sandkämper, Sänger und einer der beiden »Überlebenden« von Pendikel aus Osnabrück, bekanntermaßen wie verrückt von Kante schwärmt – der Band, in der Felix Müller (von Sport, Sie erinnern sich) auch spielt. Sandkämper weiß das Zwingende in Peter Thiessens Texten zu schätzen und hat seine Lektion gelernt. Gerade die Stimme ? eigen, wandelbar, dem Song verschrieben – und seine Texte sind auch bei Pendikel ein Topargument. Scharfzüngig, manchmal niederschmetternd überrealistisch, depressiv, nicht bloß melancholisch, aber nie entmutigend, gehen die Songs gegen das an, was ihn nervt, sagen aber auch, wofür es sich zu kämpfen, lieben und leben lohnt. Kaum eine Geschichte ohne Moral, aber auch kaum ein Song ohne waghalsige Arrangement-Wendungen. Pendikel sind Tüftelfüchse, eine »Proberaumband«, wie man vor der digitalen Arrangementrevolution gesagt hätte. Nur wer sich wie Sandkämper dem Progrock nahe fühlt, kann Songs derart arrangieren. Schon der Opener »Dead City« umreißt in knapp acht Minuten die Grundidee der Platte: alles geht. Eine Miniaturoper ist das, angedämpfte Gitarren, Synthiegeeier und dann der weit ausholende Spookey-Ruben-Hearalike-Refrain. Groß! Aber Pendikel können es auch trocken und überdreht wie in »Zitatmaschine«. Wer in diesem Magazin, um wieder selbstreferenziell zu werden, aufgepasst hat, für was sich Herr Sandkämper (ja, ehemaliges Redaktionsmitglied und immer noch Autor; Klüngelvorwürfe gelten nur nach eingehender musikalischer Analyse im Selbstversuch) erwärmt, hat eine ungefähre Ahnung davon, wie hier Radiohead, seine heiß geliebten Strukturanarchisten Cardiacs, Punk- und Hardcore-Wurzeln (schöne Abrechnung mit Vergangenem in »Falsche Freunde«), freundliche Indiesongs, dienliche Elektronik, Pop und 47 weitere Referenzen mehr in großen Lettern unverhohlen zum Buch des einzig wahren (besser: seines) Lebens zusammengesetzt werden. SO hat man das mit Sicherheit noch nicht gehört. An jeder Songecke wartet die nächste dich überraschende, erschreckende, vielleicht auch mal irritierende, stutzig machende Wendung. Chapeau. (Im Gegensatz zu Sport übrigens erspare ich uns Prognosen bezüglich eines Progrock- oder Setzkastenpop-Revivals. Obwohl …)

    Wenn also die Verdienste, zwei großartige Grundideen von Musik und ganz besonders eigene, gelungene Umgangsweisen mit Text zusammenzuführen, noch nicht ausreichen, um den seltenen Fall der Doppelplatte des Monats zu rechtfertigen, dann vielleicht, dass im Rahmen unserer bescheidenen 25-Jahres-Feierlichkeiten im letzten Oktober beide Bands einen gemeinsamen Auftritt absolviert haben, bei dem gefühlte elf zahlende Gäste anwesend waren. Dass dem wünschenswerterweise nie wieder so sein wird, darf auch als Aufgabe dieser ultramissionarischen Rezension verstanden werden. Und Ende des Monats geht mit einer Band namens Fotos der Kampf für das tendenziell Gute dann auch schon weiter. Das alles macht Hoffnung.

LABEL: Strange Ways / Blue Noise

VERTRIEB: Indigo / Alive

VÖ: 01.09.2006

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