Review: Soulwax Any Minute Now

Vor gut vier Jahren beschrieb DJ Koze in Spex, wie schizophren es sich anfühlt, mit einer Pop-/Rock-/Rap-Gruppe auf einem Festival die große Bühne zu bespielen, während man es doch kaum erwarten kann, sich im Disco-Zelt von Daft Punk ordentlich den Verstand wegblasen zu lassen. Als seine Band Fischmob nicht mehr war, ging Stefan Kozalla erst einmal den einsamen Weg des DJs und eroberte sich mit seiner ganz speziellen Art zu rocken die Disco-Zelte quasi im Alleingang. Heute ist er wieder Mitglied einer Band, International Pony, und hatte diesen Sommer regelmäßig Doppelbookings. Freitags mal eben den Techno-Floor zusammenfalten, um samstags »das Gleiche« nochmal auf der Bandbühne zu veranstalten. Nicht nur, dass auf diese Weise das Wort »Doppelverdiener« eine neue Bedeutung bekommen hat, haha, auch von Schizophrenie kann heute keine Rede mehr sein. Denn nun macht er mehr oder weniger »das Gleiche« – nur mit anderen Mitteln. Vor allem mit demselben Ziel: leidenschaftliches Entertainment – mit »Tanzmusik, die rockt«.
Oder eben Rockmusik, die tanzt. Was vielleicht schon immer die beste, zumindest aber die aufregendste Rockmusik war (ohne damit die nicht tanzbare diskreditieren zu wollen). »Tanzmusik, die rockt« – dieses sicher nicht sonderlich originelle Zitat stammt jedenfalls von David Dewaele (s. Spex 08/04), Sänger und – gemeinsam mit seinem Bruder Stephen – Songwriter der Band Soulwax und momentan – ebenfalls mit diesem – unter dem Soundsystem-Alter Ego 2Many DJs einer der erfolgreichsten und besten DJs im Bereich alternativer/elektronischer Tanzmusik. Auch die Dewaeles spielen, seit Soulwax wieder reanimiert wurde, gerne zweimal auf den freigeistigen Festivals dieser Welt. Und sie gehen sogar noch einen Schritt weiter – denn da, wo DJ Koze Plattenspieler und Mischpult mit zu den Ponies nimmt, tauschen sie ihre Instrumente tatsächlich noch konsequenter aus. Denn Soulwax ist eine Rockband und verhält sich zu 2Many DJs wie N.E.R.D. zu den Neptunes oder Beige GT zu den Gebrüdern Teichmann. Trotzdem verleiben sie der Musik ihrer Band all das Wissen um und die Leidenschaft für Tanzmusik ein und lassen beim Produzieren ihrer Songs die Bässe rollen und die Beats schaffeln, als ob sie sich für die nächste Alter Ego- oder Speicher-Maxi bewerben wollten. »NY Excuse« z.B. ist so ein Monster, »E-Talking« oder »Slowdance«.
Soulwax machen trotz allem Rockmusik, die zwar manchmal wie Techno funktioniert, aber keiner ist oder sein will. Sie verzichten dabei aber auch nicht auf das, was man »Ballade« nennt. Auch fehlt ihrem Rock beim ersten Hören tatsächlich hier und da der smarte Hook, der so viele Songs ihrer Lieblingsbands ausmacht. Ausnahmen, wie etwa das T.Rex-artige »Compute«, bestätigen die Regel.
    »Any Minute Now« muss einem also nicht in allen Teilen bedingungslos gefallen. Die Übersetzungsleistung aber, die Brücke, die sie hier zwischen den Bastionen »Disco-Zelt« und »Rockbühne« schlagen, kann man dennoch gar nicht hoch genug schätzen. Etwas Ähnliches ließe sich auch über Franz Ferdinand sagen, die ja primär nichts anderes als tolle Tanzmusik machen, ohne dass da irgendetwas krampfhaft herbeizitiert oder -konstruiert wäre. Und die Liste alter und neuer Bands und Musiker aus allen Bereichen, die sich an Ähnlichem abarbeiten, ist noch weitaus länger. Man nehme nur die Platte des Monats des Vormonats, Von Spar. Ein guter Groove gehört eben zu jeder mitreißenden Form populärer Musik. Ob im frühesten Rock'n'Roll, dem Surf Pop der Beach Boys, im Punk oder 80er-Pop.
    Gerade heute, wo sich Popmusik in einer extrem historisierenden Auseinandersetzung mit sich selbst befindet, ist es doch faszinierend zu beobachten, wie immer wieder auf allen Ebenen – mit allen Mitteln und unter Beteiligung fast aller Generationen und Traditionen von Musik – alles mit allem kombiniert, kontextualisiert, miteinander ver- und abgeglichen wird. Und welche Ergebnisse und Ereignisse das immer wieder hervorbringt. Wie immer mehr Licht ins Dunkle kommt.
    In einer Zeit, in der mir Pop – in all dem Scheitern, mit all den Ausschlüssen und Widersprüchen, dem Sinn und Unsinn – nicht unbedingt tot, sondern eher vollkommen unvollendet vorkommt, markiert ein kleines Phänomen wie die Band Soulwax mehr als nur ein paar groovy Rocksongs von ein paar smarten Typen aus Gent in Belgien: eigentlich zeigt es, als winziges Beispiel, wie viel da noch zu tun ist.

LABEL: PIAS

VERTRIEB: RTD

VÖ: 23.08.2004

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