Review: So Solid Crew Second Verse

Die Welt ist so unfair: Da formiert sich ein circa dreißigköpfiges Kollektiv von Musikern und Produzenten, die allesamt ganz sicher ohne silbernen Löffel im Mund das Licht der Welt erblickten – ackert solange, bis Grammy, Hitsingle und Brit Award eingeheimst sind und der Beweis erbracht ist, dass UK Garage auch außerhalb der Insel den Geschmack der Massen treffen kann – und was ist? Nichts als Ärger. Eine Negativ-Schlagzeile jagt die nächste und die männlichen MCs müssen sich der Reihe nach vor Gericht verantworten: Der eine wegen illegalen Waffenbesitzes, der nächste wegen Drogenmissbrauchs und wieder der nächste wegen Beteiligung an einer Schießerei. Eines ist mal klar: Das mediale Getöse um So Solid steht dem um Ghetto-Lifestyle-affine Größen wie 50 Cent in nichts nach. So Solid Crew wissen: Das ist alles nur ein Missverständnis. Sie meinen: Wer so negativ schreibt, neidet ihnen den Erfolg. Denn erfolgreich sind sie: So Solid profitierten ebenso wie MJ Cole oder Artful Dodger von der 2Step-Welle, die Europa von der Insel aus erfasste, doch boten letztere Zuckerpop im Vergleich zu den ungeschliffenen, Speed-Bass-, Crash-Flow-, Jungle-fürimmer-Sounds, die So Solid unters Volk brachten. Neben dem ersten Hit »21 Seconds« spielten sie sich mit ihrer Interpretation der Knightrider-Titelmelodie »Ride Wid Us« in den Handy-Klingelton-Olymp – zu einem Zeitpunkt, da polyphone Telefonbeschallung weder existent noch Mittel der Distinktion war.
    Dass sie immer wieder und gerne mit dem US-amerikanischen Wu-Tang verglichen werden, liegt nicht nur an der Anzahl ihrer Mitstreiter. Ganz gemäß den US-tricks of the trade geht es So Solid um mehr als nur die eigene Musik. So kümmert sich das Dachunternehmen So Solid Entertainment um die Geschicke der eigenen DJ-Agentur und der zwei Plattenlabel »Paper Money« und »So Solid Beats«. Nicht zu vergessen die eigene Promo-Agentur, der eigene Vertrieb und Radiosender. Klar, dass die Mode-Kollektion bereits in Planung ist.
    Bei all der wirtschaftlich ambitionierten Umtriebigkeit bleibt genug Raum, um die Schläge der britischen Presse mit der aktuellen Single »Broken Silence« zu parieren: »And the papers hate me well, I´m trying to revoke the violence, not promote the violence«. Klingt gut und geht Hand in Hand mit der »Disarm«-Initiative, die sie daheim unterstützen. Insgesamt darf man sich fragen, was das zweite Album schaffen kann. Slicker und glatter produziert als der Vorgänger, melodischer, eingängiger, seilt sich »Second Verse« einigermaßen treffsicher an den Schmalseiten des US-Hiphop- und R´n´B-Sounds der Stunde entlang. Garage für Bentleyfahrer wäre des Bösen zuviel, denn wenn Lisa einen Track wie »So Grimey« mit ihrer Stimme ziert, geht die neue Rechnung hörenswert auf. »6 O Clock« liefert zum gelungen eiligen Groove den Klingelton-Witz revisited. Auf »Colder« klingen Streicher-Samples und »Hardknock Life«-Reminiszenzen aus Kinderkehlen. Das tröstet über die drei Skipper im Mittelteil hinweg, denen 21 Sekunden als Limit allemal gereicht hätten.

LABEL: Independiente

VERTRIEB: Sony

VÖ: 27.10.2003

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