Rückblende: SBTRKT in Hamburg

Fotos: Janto Rößner

Ein Dubstep-Hohepriester auf dem Technik-Altar: SBTRKT live in Hamburg.

Vier 10,5-cm-Flakgeschütze waren 1941 auf dem Luftschutzbunker an der Feldstraße in St. Pauli installiert, um Hamburg gegen alliierte Bomberangriffe zu verteidigen – einer der größten Luftschutzbunker, die je gebaut wurden. Heute spielt die Londoner Folk-Sängerin Denai Moore dort ein Cover von Kendrick Lamars »Bitch Don’t Kill My Vibe«. Die Folkmusikerin ist mit ihren ansonsten hochmelancholischen Liedern als Voract für SBTRKT, den ebenfalls aus London stammenden Produzenten, unterwegs durch Europa.

Moores Stimme und ihre Musik hat an diesem Abend nicht jeder in der Betonhöhle namens Uebel und Gefährlich erwartet. Simple Akkorde an Piano und Gitarre, ein, zwei Akzente von einem Samplepad und Rhythmen, die nicht viel mehr als eine Bassdrum brauchen, lassen viel Platz für Moores kraftvolle  Stimme – die diesen auch benötigt. Moore spielt Songs, und die Leute hören ihr zu. Nur ein englischer Reeperbahn-Tourist feiert besoffen seine Heimatstadt: »Yeah, London! Fuckin’ wicked!« Moore muss lachen. Spätestens jetzt ist klar, dass sie sich selbst und ihre herzzerreißenden Songs nicht zu ernst nimmt.

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Und nun SBTKT – inmitten eines Kreises aus Synthesizern und Controllern. Des Setting mutet an wie ein Technikaltar für den Hohepriester des Dubstep, daneben in der einen Ecke ein Schlagzeug und in der anderen eine Percussion-Station. Das Ganze hat etwas von einem Nasa-Forschungszentrum.

Das Konzert beginnt und endet mit einem hin und her springenden Typen mit Maske. Ihre Wahl ist nur scheinbar bedeutungsvoll, letztlich dient sie lediglich dem Identitätsschutz. Der Sound ist vollgepackt mit modulierenden Sinuswellen, unsichtbaren Rappern und Sängern. Damit entspricht der Gig nicht den eigentlichen Absichten von Aaron Jerome, der SBTKT als ein sich ständig entwickelndes Großprojekt beschreibt, in dem die Kollaborateure vor allem als Sängerinnen und Sänger tragende Rollen spielen.

Ist es nicht so, dass die Leute bei einer Liveshow die Essenz einer Persönlichkeit sehen wollen? Sie wollen wissen, was ein Performer denkt, fühlt, mitzuteilen hat. Das ist in Anwesenheit zumindest eines Vokalisten sicherlich leichter zu bewerkstelligen, wenn die Stücke auch in Zusammenarbeit mit diesem entstanden sind. Wer kann sich schon mit einem Produzenten und seinen Werkzeugen identifizieren? Eigentlich nur Musikproduzenten, Techniknerds oder Konzertbesucher, die den Sound eben »wicked« finden.

»Es geht nicht um eine einzelne Person, es geht nicht um mich. Es geht um einen gemeinsamen Prozess. Sich auf ein Individuum zu fokussieren, ist dem Ganzen gegenüber unfair.« Wenn Jerome das so meint, wie er es sagt, sollte er sich mal mit Damon Albarn zusammensetzen und schauen, ob er nicht wie der Ex-Blur-Frontmann weniger Konzerte geben und dafür mehr der mitwirkenden Musiker auf die Bühne holen kann.

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