Review: Róisín Murphy Ruby Blue

Nach eigenem Bekunden verbrachte Röschen die letzten Jahre hauptsächlich allein. Allein trinkend und nicht eben im Glück. Roisin Murphy, die irische »kleine Rose«. In dem letzten Bild, das ich von ihr vor Augen habe, sieht man sie vor der unverbrauchtesten Natur-pur-Kulisse, den bavarischsten aller Bierkrüge schwungvoll in den Bergsee leerend (yeah right).
    Das Bild (und Cover des letzten Moloko-Albums) ist drei Jahre alt, Moloko ist vorerst ebenso Geschichte wie die Beziehung zu Mark Byrdon (der eben mehr war als nur die andere Hälfte von Moloko). Roisin, die in jeder medialen Inszenierung gut wegkommt, egal wie proper oder bierselig, selbst in um vier Uhr morgens in zweifelhaftem Geisteszustand geführten Interviews oder bei eher peinlich anrührenden Bühnen-Stompers in silberglänzenden Plateaustiefeln, leuchtet auf dem gemalten Cover von »Ruby Blue« in einer Art magischem Hyper-Realismus (Simon Henwood, die Leinwand-Arbeiten sind noch bis einschließlich 10. Juni im Londoner Hospital zu sehen). Auch ihr Solo-Album leuchtet, bietet eine schillernde Halluzination mehrerer Roisins, die singen, sprechen, säuseln, hauchen, jubilieren. Bei aller Vielschichtigkeit ist der Sound als solcher roh und unmanipuliert, mitunter einfach im Raum eingesungen, kaum gefiltert und verarbeitet. Entsprechend hautnah klingt Miss Murphy. Die Kollaboration mit dem Mann, der u.a. bereits für den ein oder anderen Moloko-Remix verantwortlich zeichnete, prägt den Sound des Albums: Herbert, der ehemalige BBC-Ton-Ingenieur, der keinen Hehl daraus macht, gerne mittels McDonald´s-Burger-Verpackungen oder seinem gesamten Küchen-Utensil zu musizieren, lud auch Miss Murphy ein, »irgendein Objekt« zum ersten Studiotag mitzubringen. Röschen brachte ihr schwarzledernes Notizbuch mit, die Songskizzen und Diary-Einträge blieben jedoch unbeachtet. Stattdessen musste die 31-Jährige das gute Stück fröhlich vor´s Mikro tippen: der Beat für »If We´re In Love« war geboren. Wer Kategorisierungen liebt, wird es mit »Ruby Blue« schwer haben, ein klares Thema sucht man vergebens. Zwischen altmodisch anmutenden Jazz-Eskapaden, Brass- und Steel-unterlegten Marching Bands, die tatsächlich direkt aus dem Dschungelbuch inspiriert zu sein scheinen, Avant-Pop, dem bereits bekannten Stimmumfang und Stimmmodulation der Extraklasse ist alles vertreten. Und dabei grundgut vom ersten bis zum letzten Takt.

LABEL: PIAS / Echo

VERTRIEB: RTD

VÖ: 13.06.2005

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