Review: RJD2 The Third Hand

Mein Freund Leo hat viel Zeit seines Lebens am MPC verbracht. Das ist die legendäre Gummipad-Beatbox, die für ein gutes Jahrzehnt so untrennbar mit HipHop verbunden war wie Scratches und Punchlines. Mit seiner speziellen Verfettung und organischem Spielgefühl war das Akai-Gerät eine breitgefächerte Zentralstation der rhythmischen Organisation von Sound, von Dre’scher Stumpfness bis zu Herberts Swingtime. Ich sage »war« – denn  auch ohne Empirie ist es sicher, dass diese Zeit vorbei ist. Von daher hat es etwas nostalgisches, wenn ein HipHop-Produzent diese Maschine jetzt noch hörbar ins Zentrum stellt. Vor allem wenn er gar keinen HipHop mehr macht. Sondern ein »garagiges Pop-Album« – wie Ramble John Krohn selbst sagt. Was stimmt. Wie so viele langjährige Rhythmiker hatte auch der gelobte RJ irgendwann das Verlangen, das ganze musikalische Fass aufzumachen. Wobei die Zuschreibung »Pop« diesen Reigen zu billig verkauft. Es ist Reichtum an Melodien, Stimmungen, Verläufen, Gesang, geprägt von neuromatischer 80s-Atmosphäre – Howard Jones, Tears For Fears, A Flock Of Seagulls – bereinigt um die fiesen Neon/Plastik-Spitzen, getragen von ausgeschlafenen Beats. Auch wenn diese nie im Vordergrund stehen. Aber immer spürbar, so wie man die europäischen 80er durch eine New Yorker Brille sieht. Der Mann war schliesslich zwei Alben lang bei Def Jux, wo Brooklyns Asphalt wie Kautabak ausgerotzt wird. So ist es denn auch ein weiteres Zeichen korrekter (Selbst)-Einschätzung, wenn er die Stimmung dieses grossen Schritts als »Typen, aus denen einmal im Jahr die Gefühle ausbrechen und die dann ihren Freunden sagen wie viel sie ihnen bedeuten – natürlich auf ganz männliche Art und Weise« bezeichnet. Das ist dieses Album – eine warme, weiche, dabei aber nie Haltung verlierende MPC-Songwriterei. Denn trotz Pop bleibt die Organisation offen, rhythmisch, roh, Garage. Leo, der andere mit dem MPC, findet das enttäuschend – keine frischen Beats und RJ singt zuviel. Nehmt es als Warnung vor den  Gefühlen.

LABEL: XL Recordings / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 09.03.2007

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