Review & exklusiver Stream: Oneohtrix Point Never R Plus Seven

ONEOHTRIX POINT NEVER
R PLUS SEVEN
WARP / ROUGH TRADE – 27.09.2013

Mit R Plus Seven schafft Daniel Lopatin als Oneohtrix Point Never einen herrschaftsfreien Sound wider dem »Klangfarbenfaschismus«. SPEX bietet jetzt nebst Rezension den exklusiven Stream des am Freitag erscheinenden Albums.

Daniel Lopatin fischt gerne im Trüben und veredelt verfemtes Material. Mit den Projekten Tim Hecker/Daniel Lopatin, Ford & Lopatin oder eben solo als Oneohtrix Point Never produziert er Immersionsklänge, bei denen nicht klar ist, ob sie in die kalifornische Indie-Bar gehören, in eine Klanginstallation im Kunstzusammenhang oder am Ende doch zu den Kerzen und Kristallen im Esoterik-Shop. Diese Unsicherheit ist programmatisch, Lopatin nannte den Wunsch nach einem eindeutig markierten Sound mit eindeutigen Worten einmal selbst timbral facism, frei übersetzt: Klangfarbenfaschismus.

Durch seine Zusammenarbeit mit Doug Aitken, einen megalomanen Soundscape am New Yorker MoMa und spätestens mit seinem Score für Sofia Coppolas The Bling Ring ist der in Brooklyn wohnhafte Lopatin zum potenziellen Superstar der Post-Hypnagogic-Pop-Szene geworden. Kein Wunder, dass das Label Warp ihn kürzlich von Mexican Summer loseiste.

Während Lopatin auf dem letzten Oneohtrix-Album Replica alte Werbeclips von VHS-Kassetten verfremdete, fehlen jetzt solche minderen Quelldaten aus der Hipster-Requisite. Stattdessen spielen vermehrt aktuelle Presets eine Rolle, »Ersatzinstrumentation«, wie es Lopatin nennt: also imaginäre Knöpfe, mit denen haargenau bestimmte Atmosphären ab- und aufgerufen werden sollen. Am liebsten habe er jene Presets benutzt, die als »spirituell« gelabelt sind, kathedralenhafte Orgel-Patterns zum Beispiel.

Zugleich hat Lopatin weiterhin Spaß an schummrigen Trance-Effekten, klitschiertem Gänsehautgefühl und anderen überwältigungsästhetischen Zumutungen. Er sagt, er wollte einen subliminalen Hollywood-Sound schaffen.

Dazu darf dann auch jenes Unendliche-Weite-Feeling gehören, von dem sich als kleinbürgerlich denunzierte Subjekte zum Seele-baumeln-Lassen aufgerufen fühlen könnten. Aber eben diese in Verruf geratene Kulturtechnik wurde ja im Zuge des Hypnagogic-Pop-Hypes neu erfunden.

Erstaunlich ist es, wie Lopatin vorgekochten Soundklischees, kosmischem 80er-Synthiegedudel und faseligen Krautrock-Verfallsformen Neues abringt. Er tut dies mit der Technik der Störung und Unterbrechung. Denn anders als es der esoterische Imperativ verlangt, strömt die Musik hier keineswegs liquide vor sich hin. Wenn so etwas wie ein halluzinatorischer Sog entstehen könnte, kommt es zu Verwerfungen oder im Extremfall zum Melt-Down: zum plötzlichen Kollaps der vorher sorgfältig aufgetürmten Klangbauten. Oft geschieht das durch überzogene Bass-Sentenzen oder andere Robustheiten.

Unter den sanft anmutenden Synthieflächen brodelt es gefährlich. Überhaupt hat sich Lopatin viel von aktueller UK-Bassmusik abgeschaut.

Wer Pop-detektivisch hinhört, dessen Kopf beginnt irgendwann zu flirren. In ein und demselben Moment sind Spuren von Michael Cretu und Terry Riley zu hören. Steve-Reich-Minimalismus wird mit Barockismus à la Art Of Noise konfrontiert, Popol-Vuh-Prog geht über in die elegischen Auslegungen von Detroit Techno. Und in den Track »Zebra« sind New-York-House-Bezüge gut versteckt eingebettet.

Da wir bei Referenzen sind: Die Stimmen erinnern gelegentlich an die Pathosformeln von Enya.

Ja, es gibt Stimmen auf diesem Album, und die klingen spooky und posthuman, wie die Zungen neurotischer Engel. Wie das kommt? Lopatin hat sich von der PostCreativeWriting-Szene inspirieren lassen und vorgefundene Texte aus interaktiven Literaturdatenbanken, Bedienungsanleitungen, Verzeichnissen oder juristischen Erklärungen von Sprachsynthesizern »einlesen« lassen.

Der Ursprung solcher »unkreativen« Prozeduren liegt in der Oulipo-Gruppe um Schriftsteller wie Georges Perec oder Oskar Pastior, die versuchten, Sprache durch formale Zwänge wie etwa das Weglassen bestimmter Buchstaben zu erweitern. In Lopatins Bearbeitung klingen die Texte seltsam entfremdet, so intim und doch ganz fern. Konzeptuell mag sich Lopatin verkünstelt haben; verwirrend, irritierend und ein großes Popstatement ist das Klangerlebnis allemal.

Die atmosphärische Fülle auf R Plus Seven ist beeindruckend. Jeder Moment scheint eine andere Sensation zu beschwören. Die »Kunst oder Kitsch?«-Frage zielt ins Leere, denn die Tracks evozieren Stimmungen, die sich gerade in ihrer Zwiespältigkeit genießen lassen.

Der Philosoph Gernot Böhme spricht in seiner bekannten Atmosphärentheorie von »akustischen Charakteren«. Auf R Plus Seven sind viele davon unterwegs, schmierige Gestalten und sympathische Typen, harsche Macker und kratzbürstige Melancholiker. Sie alle gehören dazu, und keiner hat die Macht gepachtet.

Daniel Lopatin hat einen herrschaftsfreien Sound, bei dem man Ambient-mäßig weghören, bei dem man aber genauso gut konzentriert (Selbst-)Versenkung üben kann. Ohne sich auf einen Meistersignifikanten festlegen zu lassen, schwebt Lopatin zwischen Underground, Kunst und Spektakel. Dabei entsteht eine Musik, die kaum weiter entfernt sein könnte von den Gefühlsmanipulationen herkömmlicher Esoterik. Bei diesem Meisterwerk der Ambivalenz implodieren die Kristalle. Ein großer Spaß!

SPEX präsentiert Oneohtrix Point Never live
04.10. Berlin – Berghain Polymorphism 8 mit Stellar OM Source, Lorenzo Senni

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