Botschaften aus dem »warmen Süden«: Review zum Kampnagel-Konzert von Ogoya Nengo und Sven Kacirek

Fotos: Janto Rößner

Man lausche der einzigartigen Geschichtenerzählerin: Das Konzert von Ogoya Nengo & The Dodo Women’s Group auf Kampnagel in der Rückblende

Das Kampnagel in Hamburg ist nicht nur ein international bespieltes Kulturzentrum, sondern seit kurzem auch Schauplatz einer soziopolitischen Auseinandersetzung. Ein Nachbau der Roten Flora, eines ebenfalls politisch bedeutungsvollen Veranstaltungsortes mitten in Hamburg, sollte sechs Afrikanern, die über Lampedusa nach Hamburg kamen, eine warme Unterkunft für den Winter bieten.

Karina Weber, Hamburger Lokalpolitikerin und Pressesprecherin der Alternative für Deutschland in Altona, scheint damit ein ernsthaftes Problem zu haben und versucht, die traditionell ohnehin und seit einiger Zeit wieder verstärkt fremdenfeindliche europäische Migrationspolitik zu nutzen, um auf Stimmenfang zu gehen. Der Intendantin des Kampnagel, Amelie Deuflhard, wirft Weber Beihilfe zu Ausländerstraftaten sowie Untreue vor und erstattete deswegen Strafanzeige. Webers Meinung nach hätten die Flüchtlinge schon 2013 wieder im »warmen Süden« sein können, mindestens in Italien, wenn nicht in Afrika.

Die kenianische Musikerin Ogoya Nengo war im Gegenzug so freundlich, den »warmen Süden« ins missgünstige Europa zu bringen. Sie schenkte all den frierenden Menschen auf ihrer ersten Wintertour durch dieses Mekka der Gastfreundschaft ein wenig Kraft und spielte am 25. November ein Konzert mit ihrer The Dodo Women’s Group – und zwar nicht zufällig auf Kampnagel.

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Sven Kacirek begleitete Ogoya auf Kampnagel.

Der Traum eines Liedes, das alle in Liebe und Frieden zusammenbringt, ist entweder Hippiekram oder Ergebnis der Indoktrination durch Popkulturerscheinungen wie Sir Bob Geldofs »Do They Know It’s Christmas« und seine internationalen Ableger. Trotzdem wurde auf Ogoya Nengos Konzert in respektvoller Andacht gelauscht. Niemand sprach, denn Nengo und ihr dreiköpfiger Frauenchor nutzten hauptsächlich ihre Stimmen und sangen beinahe unverstärkt. Nur streckenweise wurden perkussive Elemente und die Trommeln von zwei weiteren Musikern eingesetzt. Ansonsten hörte man einer einzigartigen Geschichtenerzählerin zu, die mit unaufgeregter Selbstverständlichkeit die Bühne und den gesamten Raum für sich einnahm.

Die über 70-Jährige präsentierte kenianische Volksmusik, Dodo genannt. Stefan Schneider (To Rococo Rot), der Nengos aktuelles Album New Recordings From Siaya County, Kenya (Honest Jon’s) zusammen mit Sven Kacirek aufgenommen und die Gruppe nach Deutschland eingeladen hat, beschreibt Nengo als absolute künstlerische Autorität und betont die »sehr warme und klare, machmal auch strenge, innere Ruhe« ihrer Stimme.

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Mit dieser Ruhe sang Nengo von Tag und Nacht, von Krieg und Kampf, von der Geschichte ihrer Heimat, in der noch heute Menschen wie Karina Weber das beste Land besitzen und in kolonialen Herrenhäusern leben. Im Publikum befanden sich zufällig einige Personen, die aus dem Heimatdorf Nengos stammten. Sie waren die einzigen, die die Gesänge in der Sprache Luo verstanden, und ihnen war anzumerken, dass sie wussten, was für eine erfahrene und professionelle Repräsentantin sie in Nengo vor sich hatten. Nach dem Konzert nahmen sie die Musikerin freudestrahlend in die Arme und nannten sie Mutter.

Sven Kacirek, der diesen besonderen Abend auf Kampnagel eröffnet hatte, kündigte für den Sommer 2015 bereits weitere Konzerttermine von Ogoya Nengo & The Dodo Women’s Group an.

Ein Porträt der kenianischen Künstlerin Ogoya Nengo aus der SPEX-Printausgabe °356, die versandkostenfrei im SPEX-Shop bestellt werden kann, gibt’s auch online.

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