Review: Michaela Melián Monaco

MICHAELA MELIÁN
MONACO
MONIKA ENTERPRISE / INDIGO – 27.09.2013

Weit mehr als »Filmmusik«: Mit ihrem heute erscheinenden Album Monaco führt Michaela Melián ihre Städte-Trilogie an gleich zwei Orte und erreicht nicht nur so eine reizvolle Un-Eindeutigkeit.

Abschluss einer Trilogie, dritter Teil einer noch nicht quantifizierbaren Serie oder fünfte und sechste Seite eines Triple-Albums? Michaela Meliáns dritte Soloplatte kann das alles sein oder auch nicht – die konzeptuelle Offenheit hält Werk und Rezeption im Fluss. Dass es ein Konzept gibt, liegt wiederum auf der Hand: Nach Baden-Baden und Los Angeles hat Melián mit Monaco wieder eine Stadt als Namensgeberin ausgewählt; und auch in ihrem preisgekrönten Hörspiel Föhrenwald und der Tonspurencollage Memory Loops, die eine Topografie nationalsozialistischen Terrors in München ergibt, erforscht die bildende Künstlerin und F.S.K.-Bassistin die Verknüpfung von Orten und Geräuschen.

Jetzt also Monaco, ein mehrdeutiger Name: So heißt natürlich das winzige Fürstentum an der südfranzösischen Küste, aber eben auch München, das Monaco di Baviera, die Stadt, in der Melián geboren wurde. Dass Melián beide Städte meint, zeigt sie mit Songtiteln wie »Promenadeplatz« und »Jardin Exotique«: konkrete, existente Orte in jeweils einem der beiden Monacos. Das ist das Tolle an Meliáns Konzept- oder Nicht-Konzeptalben: Sie gibt eine Eröffnung, den Bezugsrahmen vor; die weitere Assoziationskette liegt in den Händen/Ohren/Erfahrungen des Publikums.

Melián benutzt starke Bilder und Begriffe wie »Place Stalingrad« oder »Delta Of Venus«, so der Titel des ersten Stücks. Man denkt sofort an Anaïs Nin und ihre als Auftragsarbeit entstandene Sammlung erotischer Geschichten; vielleicht hat man auch den ziemlich schrecklichen Film von 1995 in Erinnerung, der auf Nins Vorlage basiert. Melián bettet das Venusdelta in getragene Musik; anfangs werden nur zwei Pianotasten angeschlagen, was melancholisch und traurig klingt und nichts mit der 91⁄2-Wochen-Ästhetik des so betitelten Streifens gemein hat. »Geometrie der Liebe« verweist – eventuell – auf den gleichnamigen Film Pier Paolo Pasolinis, gewiss nicht sein bester, aber irgendwie auch faszinierend: Ein geheimnisvoller Rimbaud-Leser hat Sex mit allen Bewohnern und Bewohnerinnen eines Hauses und treibt diese entweder in den Wahnsinn oder dazu, das eigene Leben komplett zu ändern.

Aber wie gesagt, diese Assoziationen kann man verfolgen oder auch nicht, Meliáns filmmusikalische Kompositionen ermöglichen viele Wege. Der Begriff »Filmmusik« muss hier als Surrogat dienen, in Ermangelung anderer, womöglich besser passender Bezeichnungen für Meliáns kontemplativen Trademark-Sound zwischen Ambient, Drone und Klassik, gemacht aus vorwiegend »echten« Instrumenten wie Violoncello, Zither, Banjo, Gitarre, Glockenspiel, Kalimba und Details wie dem Klimpern von Gläsern. Melián spielt fast alles selbst, unterstützt wird sie wie auch auf den anderen Platten von F.S.K.-Schlagzeuger Carl Oesterhelt.

Die reizvolle Un-Eindeutigkeit in Meliáns Musik kommt auch daher, dass es keine Texte gibt, in denen man nach Hinweisen suchen könnte. Nur einmal erklingt auf Monaco Meliáns pointierter, dunkler, Nico’esker Sprechgesang: in einer Interpretation von David Bowies »Scary Monsters«, womit sie eine Tradition gleichermaßen bricht und weiterführt. Auf Baden-Baden und Los Angeles coverte Melián jeweils ein Stück von Bryan Ferry/ Roxy Music – mit Bowie bringt sie einen weiteren Glam-Dandy ein, dessen klaustrophobische Horror-Lyrics sie ans Ende der ersten LP-Seite platziert. Die »scary monsters, super creeps« können »the little girl« mit den blauen Augen, hinter denen niemand mehr zu Hause ist, an der sonnen- glitzernden Küste – man denke an die tödlich verunfallte ehemalige Fürstin oder die unglückliche, einsame jetzige – genauso einholen wie auf Münchens Promenadeplatz, auf dem gleich fünf Denkmäler für tote Männer stehen und seit kurzem auch eine Gedenkstätte für Michael Jackson. Die Musik dazu ist warm und stark, von Mellophonklängen (gespielt von Ching Ying Hsieh) ein wenig ins Schlingern gebracht.

Ins Schlingern geraten durch dieses sanfte Album auch festgefügte Bilder: Dieses Monaco ist in jedem Fall ein anderes, als Sie zu kennen glaubten, verehrte Damen und Herren.

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