Review: Maria Minerva Histrionic

Maria Minerva Histrionic

Zerbröselt, verrutscht, entgrenzt, verspult und lost ist Maria Minervas neues Album Histrionic, oder anders: (große) Kunst für den Club.

Die im Acid-House-Jahr 1988 im estnischen Tallinn geborene Maria Juur alias Maria Minerva ist kosmopolitisch im besten Sinne. Nach mehreren Jahren in London, einem Studium am Goldsmiths-College und einem Praktikum bei Wire wohnt sie aktuell in New York, ist aber auf dem Sprung nach Los Angeles. Dort ist ihr Label Not Not Fun beheimatet, das wie die angeschlossene Plattform 100% Silk für einen unabhängigen House-Entwurf steht, der sich um die gewachsene Clubkulturindustrie in London oder Berlin wenig schert und House und Techno mit neuen Konventionen und Kontexten versieht. 

Auch die diskursversierte, schon mal die Feminismustheoretikerin Hélène Cixous’ zitierende Maria Minerva arbeitet gegen die Routinen der Clubkultur und schickt mit ihrem neuen Album Histrionic eine eigensinnige Grußadresse an den Dancefloor. Dessen beglückende Ambivalenz spricht sie in Stücken wie »The Beginning« oder »Hingede Öö« an: Intensiver lässt sich nirgendwo alleine mit anderen sein, einsam in der Masse, verzweifelt in der Euphorie. Die Nacht als »andere Zeit« war schon auf Minervas erster Not-Not-Fun-Kassette Tallinn At Dawn Thema. Klangästhetisch kehrt Histrionic denn auch zur Etappe vor der finalen Professionalisierung von elektronischer Tanzmusik zurück. Zerbröselnde Rave-Signale, verrutschte Old-School-Beats, entgrenzende Übersteuerungen und verspulte UK-Garage-Zitate sorgen für eine hypothetische und vage Aufbruchstimmung. »Spirit Of The Underground« heißt ein Stück in geradezu rührender Emphase. 

Man ahnt, dass das, was Maria Minerva hier zitiert – inklusive Erinnerungsexkursionen in Downbeat-Lounges und Eurotrash-Etablissements –, für sie biografisch kostbar war und ist: als westlicher Sound der Freiheit, der sie einst in Estland wachküsste. Minervas Musik ist dabei nicht immer ästhetisch korrekt, manch schäbigen und schmierigen Sound darf man als Zeichen eines verbrämten Essenzialismus lesen, der unsere Stereotypen vom wilden Osten adressiert. Doch klingt dieses Album alles andere als nostalgisch im Sinne einer stabilen Behaglichkeit – der Dancefloor bleibt ein gefährlicher Ort. Minervas Gesang wirkt riskant, unsicher, manchmal verpeilt, immer irgendwie auf der Suche. In den Texten geht es um Selbstverlust, Liebesunglück und Leidenschaft, wobei es Minerva mit ihren distanzierten Ennui-Gesten immer wieder schafft, von diesen aufsässigen Zuständen zu abstrahieren. Manchmal singt sie seriös und mainstreamig, dann wechselt sie zu einer versponnenen Spoken-Word-Ausdrucksform. Im grandiosen »Endgame« bleibt sie am Ende eines aufreibenden House-Tracks allein mit ihrer verhallten Stimme, und es bleibt ungeklärt, an was für einem ominösen Ort sie sich nun gerade aufhält. 

Das Histrionic im Albumtitel benennt eine Persönlichkeitsstörung, bei der ähnlich wie bei der klassischen Hysterie »künstliche« und »theatralische« Verhaltensweisen zutage treten. Neulich erklärte Maria Minerva, dass mit diesem Album ihre histrionische Phase von 15 bis 25 zu Ende ginge. Doch sie bleibt offenbar auf eine äußerst produktive Weise lost, und das nicht nur in music. Ohne trügerische Synergieversprechen ist es ihr gelungen, die beiden losen Enden ihrer bisherigen Arbeit – Kunst und Club – stringent aber nicht zu fest zu verknoten.

MARIA MINERVA 
HISTRIONIC
NOT NOT FUN
ALBUM – 29.05.2014 (internationaler VÖ-Termin