Rückblende: The Libertines in Berlin

Besser spät als nie: Zehn Jahre nach ihrer Trennung kehren The Libertines nach Deutschland zurück, um ein altes Versprechen einzulösen. Ein Konzert, wie man es nur noch selten erlebt.

Der mit dem eigenen Namenszug versehene Union Jack weht im Hintergrund der Videowand. Darüber, dass die Flagge vor wenigen Wochen fast ihr blau-weißes St.-Andrew-Kreuz verloren hätte, werden sich The Libertines an diesem Abend allerdings ausschweigen. Großbritannien bleibt, wie es war und ist. Carl Barât, Peter Doherty, John Hassall und Gary Powell sind in Berlin, um erstmals nach ihrer Wiedervereinigung hierzulande aufzutreten.

Gut 7000 Leute sind in die Arena gekommen, nicht wenige von außerhalb oder gleich aus England. Man hat sie vermisst, diese Garagen-Rock’n’Roll-Band ohne Garage, dafür aber mit Zugängen zu all den Orten der Bohème und der Poesie – und mit Liedern wie »Time For Heroes«, »Can’t Stand Me Now«, »Vertigo«, »What Katie Did«, »Music When The Lights Go Out«, »Don’t Look Back Into The Sun« und »The Good Old Days«. Sie alle kommen zum Einsatz.

Es ist eine eigentümliche Situation, schließlich stellen The Libertines die Songs ihres zweiten und bislang letzten Albums auf dieser Tour zum ersten Mal in Originalbesetzung vor – sieht man von ihrem Kurzcomeback im Jahr 2010 ab . Wir erinnern uns: Damals war die Band während der Aufnahmen im Streit auseinander gegangen, auch wenn sich das endgültige Ende noch bis Dezember 2004 hinzog und Barât, Hassall und Powell ohne Doherty auftraten, während dieser zum internationalen Star der Schundpresse wurde.

Peter Doherty live in Berlin

Es wirkt, als hätte sich die seit jeher fehlende Übung bis heute nicht eingestellt. Mehrere Lieder müssen ein zweites oder drittes Mal angestimmt werden, nicht selten geraten die Libertines neben die Spur. Der matschige Sound der Arena tut sein Übriges dazu. Und doch sind es diese Widrigkeiten, die das Konzert zu etwas Besonderem machen: The Libertines 2014 sind keine schlechte Kopie ihrer Mittzwanziger-Alter-Egos. Sie werden erst durch die rumpelnde Verve und die jeder Zeit klar erkennbare Spielfreude dem Ethos ihrer Stücke gerecht.

So heben sie ihre Songs auf eine neue Ebene. Barâts Stimme hat an Farbe gewonnen, Doherty, der sich längst wieder Peter statt Pete nennt, ist aufgeräumt und präsent, Powell verausgabt sich im Hintergrund ohne die Kollegen zu übertönen. Großartig auch der kleine Witz, kurz »Fuck Forever« anzuspielen. Eine Eins-zu-eins-Übersetzung, eine Musealisierung der originalen Kaputtheit wäre ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen.

Barât und Doherty verweigern dem Abend außerdem jede Bürde des Feierlichen. Ihre Momente der alten und neuen Einheit, die wieder und wieder getätigten Umarmungen, geschehen zwar auf der Bühne, aber still, abseits der Mikros. Man unterlässt gemeinsame Ansagen, und gerade Doherty spielt mit dem Publikum. Statt Pöbeleien gibt es feinen Spott. Er versucht erfolglos, einen Bühnensturm zu initiieren und verkündet, dass in Dortmund (wo die Band gar nicht gespielt hat) mehr los gewesen sei. Später verabschiedet er sich mit »Thank you, Leipzig!«

Auch Bassist Hassall, der seit Showbeginn im feinen Zwirn mit finsterem, aber jungenhaftem Gesicht herumsteht, kriegt sein Fett weg. Doherty schenkt ihm eine hässliche hellgrüne Jacke, die ebenso wie mehrere Schuhe, ein Bayer-Uerdingen-Trikot, ein BH und ein Joint, den Hassall natürlich als Erster probieren soll, auf die Bühne fliegen.

Carl Barat live in Berlin

Zwei kurze Solosets gibt es als Pausen auch noch. Barât verneigt sich vor Doherty, indem er dessen Solostück »The Ballad Of Grimaldi« vorträgt. Der so Zitierte wiederum spielt etwas später eine herzensklare Version von »Albion«. Mag dieses auch ein Babyshambles-Song sein, er steht doch stellvertretend für die größte Stärke der Libertines: die Melancholie eines reichen, aber zugleich heruntergewirtschafteten Landes, in dem die zehn ärmsten Regionen der EU liegen, lyrisch berührend einzufangen. Gleichsam bleibt das Manko der Band erhalten, denn über den romantischen Eskapismus in die an Charles Dickens angelehnte Traumwelt Albion kamen die Libertines nur selten hinaus.

Zum Schluss nach 21 Liedern: noch drei Zugaben. »What Became Of The Likely Lads« wird mit zwei Griffen ganz an den Anfang der Bandgeschichte beantwortet. Die Libertines schrammeln sich durch »Up The Bracket«, ihre zweite Single überhaupt, und packen dann überraschend »I Get Along«, die B-Seite ihrer allerersten Veröffentlichung aus. »What A Waster«, die zugehörige A-Seite, muss somit als einziger Hit an diesem Abend draußen bleiben. Er hätte hier auch nicht hingepasst.

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