KREATOR
DYING ALIVE
NUCLEAR BLAST / WARNER – 30.08.2013

Ruhrpott! Zerstörung! Terror, everybody! Oder habe ich Mille Petrozzas erste Ansprache an seine Oberhausener Homies falsch verstanden? Falls ja: ein Fall für den Höllenschlund meiner jetzt und hier kurz anschwellenden Nix-Wissen-Schuldgefühle bezüglich der bundesrepublikanischen Institution namens Kreator, mit der ich trotz gut zehnjähriger Affinität zum Genre Thrash Metal immer nur kurz Kontakt aufnahm, immer mit dem gleichen Im-falschen-Film-Persönlichkeitsteil, der auch den härtesten Distinktions-Junkie immer wieder mal zu Currywurstbuden, Spätkauf-Süßwaren-Shopping, Multiplexen und Großveranstaltungen treibt. Geselligkeit um der Geselligkeit willen.
Kreator ist genau das: institutionalisierte Geselligkeit, »We’re in this together« mit Freibier, Grillen, bauchspannenden Bauarbeiterunterhemden, Arschgeweihmuttis und der ganzen Familie. So what else is new? Nix natürlich. Der Ruhrpott liegt genauso lange darnieder, wie es Kreator gibt, und das einzige, was Mille, Sami, Speesy und Ventor mit den Modernisierungsansätzen dieser verlorenen Welt verbindet, ist die Tatsache, dass Dying Alive neben den Formaten Doppel-CD, DVD und BluRay auch als Earbook (!) erscheint. Womit für den unwahrscheinlichen Fall, dass diesen aufrechten Stahlarbeitern etwas zustoßen sollte, genug Material für den Familienschrein und die Erdsonde zu fernen Kulturen habbar ist. Dafür wurde an nix gespart: 24 Kameras und Gitarren/ Moshpit-Cams, Studiosound, Routine, Handwerk, Tradition und Präzision made in Germany.
Ach so, falls es da draußen noch jemanden geben sollte, der Sprache nicht übersetzen kann: Wenn Mille von Dingen wie »mehr Gewalt«, »gegenseitigem Umbringen« und der »Zerstörung der Turbinenhalle« spricht, sind das in Wirklichkeit Aufrufe zu Tanz, körperlicher Annäherung und LIEBE, schön zu sehen in der Rechte-Seite-gegen-linke-Seite-Pogo-Inszenierung im Mittelteil der Show. Stierkampf ohne Waffen und ohne Stiere!
Sagte ich eigentlich schon, dass ich diese am 22.12.2012 (einen Tag nach dem offiziellen Weltuntergang) gefilmte Sause am 24.07.2013 mitten am Tage bei 32 Grad Außentemperatur zu mir nehme? Wie geht es wohl den Jungs, die jetzt grade 100 Meter weiter die Straße runter ohne Schatten neuen Teer aufgießen? Oder in der Kokerei die Öfen reinigen? Ach, die Jobs gibt’s gar nicht mehr? Egal, aber es war schön. Schrecklich schön. Prost! Und jetzt ab unter die Dusche.

Dying Alive erscheint am Freitag. Weitere, ebenfalls von SPEX besprochene Veröffentlichungen dieser Woche: Füxa Dirty D, Jackson and His Computer Band Glow und Volcano Choir Repave.