Kendrick Lamar To Pimp A Butterfly

Float like a butterfly, sting like a bee: Mit unprolliger Unmännlichkeit, sumpfigem Future-Jazz und vielschichtiger Selbstbehauptungsbotschaft legt Kendrick Lamar ein drittes Album vor, das die hohen Erwartungen an To Pimp A Butterfly ebenso unterwandert wie übertrifft.

Es steckt so viel drin im dritten Album von Kendrick Lamar, dass man am besten damit anfängt, was nicht drinsteckt. Es gibt kein neues »Bitch, Don’t Kill My Vibe«, kein zweites »Backseat Freestyle«, keine Hit-Single also, mit der sich Lamar in Gedächtnisse und Rekordbücher einschreiben könnte, wie er es mit den hervorstechenden Stücken seines Major-Label-Debüts Good Kid, M.A.A.D. City getan hatte. Im November 2012 dienten die erwähnten Tracks als sanfte Einführung in eine Platte, die sich ihren Untertitel A Short Film By Kendrick Lamar mit detailreichen und clever verknüpften Erzählungen redlich verdiente. Genial war unter anderem, wie sich im Albumkontext ganz neue Bedeutungsebenen für die scheinbar stumpfen Singles ergaben.

To Pimp A Butterfly mischt die Medizin nicht mehr mit Zuckerstückchen. Die am sehnlichsten erwartete Rap-Platte des Jahres (Kanye hin, Drake her) überrascht und verwirrt zunächst mal mit der Tatsache, dass sie irgendwie auch eine Jazz-Platte ist. Oder, genauer gesagt: das, was man sich heute bei Brainfeeder und Stones Throw unter Jazz vorstellt. Die beiden kalifornischen Labels veröffentlichen seit Jahren einen erheblichen Teil der wichtigsten Leftfield-HipHop-Platten Amerikas. Für Brainfeeder könnte To Pimp A Butterfly nun zum großen Crossover-Moment werden.

Während Hit-Produzenten wie Pharrell und Boi-1da auf To Pimp A Butterfly nur jeweils einmal zum Zug kommen, sind die Fingerabdrücke von Flying Lotus, Thundercat und ihren Future-Jazz-Gesinnungsgenossen an allen Ecken und Enden zu erkennen. Der Keyboarder Robert Glasper, die Saxofonisten Terrace Martin und Kamasi Washington und der Percussionist Larrance Dopson tragen ebenso zum nie ganz greifbaren, im besten Sinne sumpfigen Live-Sound des Albums bei wie der Top-Dawg-Hausproduzent Sounwave. Wäre Lamars Stimme nicht allgegenwärtig, könnte man To Pimp A Butterfly auch für einen frühen Leak der nächsten Erykah-Badu– oder Georgia-Anne-Muldrow-Platte halten.

Lamar beaufsichtigt hier also ein musikalisches Ganzkörperstretching, wie es zuletzt von D’Angelo & The Vanguard auf Black Messiah betrieben wurde. Man muss aber auch über die Raps auf To Pimp A Butterfly schreiben, denn die Raps auf To Pimp A Butterfly sind sensationell, unumstößlich selbstbewusst, erfinderisch und effortless, vorgetragen in mindestens fünf neuen Stimmlagen. Außerdem passen sie in ihrer unprolligen Unmännlichkeit zur Musik eines Albums, das toughness nie mit dicken Eiern verwechselt. Schon damit lässt Lamar weite Teile der Major-Label-Konkurrenz hinter sich.

Die Politik dazu ist up to date: Ähnlich wie Black Messiah und Run The Jewels 2, die anderen großen Black-Music-Statements der letzten Monate, steht To Pimp A Butterfly im Zeichen eines rassistisch motivierten Machtmissbrauchs durch Staat und Polizei, der im Jahr eins nach Ferguson weiter zum amerikanischen Alltag gehört. Lamar unterwirft sich nicht diesem Alltag, er plädiert dafür, weiße Ressentiments von Ewiggestern ebenso zu überwinden wie die Scheinheiligkeit schwarzer Gangbanger, die mehr Afroamerikaner auf dem Gewissen haben als Amerikas Polizei und Gefängnisindustrie zusammen. Sogar den aktuellen Stand der Sprache versucht der Rapper aufzubrechen: Am Ende von »i« ersetzt er das »infamous, sensitive N-Word« durch »Negus«, den altäthiopischen Begriff für »König«.

Obwohl To Pimp A Butterfly gepflastert ist mit solchen Botschaften der Selbstermächtigung, ist es doch vor allem der Selbstbehauptung verpflichtet. Immer wieder ruft sich Lamar die Gefahr der Vereinnahmung eines erfolgreichen schwarzen Künstlers durch eine überwiegend weiße Kulturindustrie ins Gedächtnis. Der Name seines Albums ist deshalb nicht im Pimp-My-Ride-Sinn einer positiven Aufmotzung oder Verschönerung zu verstehen, die Lamar dem HipHop oder der amerikanischen Gesellschaft verordnet. Vielmehr warnt er vor den Verfälschungen und Verführungen, die mit solchen Eingriffen einhergehen – und führt durch die Schmetterlingsmetapher im Plattentitel elegant zum psychedelischen Sixties-Soul, Funk und Jazz zurück, die das musikalische Erscheinungsbild von To Pimp A Butterfly prägen. Worte folgen auf Taten folgen auf Worte. Sound and vision finden in Formvollendung zusammen.

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