JULIA HOLTER
LOUD CITY SONG
DOMINO / ROUGH TRADE – 16.08.2013

Letztes Jahr wurde Julia Holter vom englischen Magazin Wire zur »Lo-Fi-Göttin« gekürt, in einem Interview im selben Heft sagte Holter aber, sie wäre gerne eine Hi-Fi-Artistin. Jetzt ist es soweit: Die Göttin perfektioniert sich noch weiter, ihr drittes Album hat eine wesentlich breitere Klangpalette und klingt insgesamt nach mehr Produktionsaufwand und viel ausgefeilter als die Vorgänger. Loud City Song entstand nicht mehr in elektronischer Einsamkeit, sondern gemeinsam mit dem Produzenten Cole M. Greif-Neill und zahlreichen Gastmusikern, darunter Ramona Gonzalez a.k.a. Nite Jewel. Doch auch im Ensemble mag Holter ihre schrulligen Eigenarten nicht ablegen. Noch immer singt sie am liebsten mit sich selbst, vertieft sich in innere Dialoge und hält unmittelbare Gefühle wie unter einer Dunstglocke auf Abstand. Die Sprödigkeit ihrer Musik finden nicht wenige klaustrophobisch, doch diese selbstgewählte Enge kann auch befreiend sein; im Virginia-Woolf’schen Sinne ist Holter auf der Suche nach einem Room Of One’s Own, um von dort aus (musikalische) Konventionen zu brechen. Das Tolle an Julia Holter ist und bleibt, wie sie in eine sympathisch unlockere Konzeptmusik Fluchtlinien Richtung Pop legt. Ihr Avantgarde-Appeal passt in viele Räume.
Aus den Mythen der Antike, die insbesondere auf Ekstasis Thema waren, ist Holter jetzt im Los Angeles der Gegenwart angekommen. Versonnen streunt sie durch ihre Heimatstadt und betrachtet das Eigene mit ethnologischer Neugier. Als Überbau und Inspirationsquelle dient ihr der 1944 erschienene Roman Gigi der französischen Schriftstellerin Colette, den sie auf das heutige L.A. projiziert. Es gehe um den städtischen Lärm von Medien, Gossip und Celebrity-Kultur, sagt Holter.
Also Kulturkritik in der Maske des Kammerpop? Einige Songs auf Loud City Song lancieren eine Art von Ambient-Musik, die vehement Kontemplation einfordert. Das ist gut so, denn sonst würde man die raren Momente von Aufwühlung verpassen, die sich in die ansonsten sehr streng aufgebauten Songs schleichen. Mal öffnet sich ein Stück zu sphärischen Weiten, ein andermal verdichtet es sich, und nervöse Streicher erzeugen Turbulenz. Manchmal scheint es, als bleibe die Musik stehen und sei als »Ding an sich« zu hören. Julia Holter beherrscht eben die Kunst des Transzendenzeffekts. Zu sich selbst kommt diese in der fantastischen Coverversion des Soul-Klassikers »Hello Stranger« von Barbara Lewis: pure ozeanische Verzauberung, die kein Morgen und kein Außen zu kennen scheint.
Aber sicher gibt es das Außen doch, denn was wäre die Transzendenz ohne Immanenz? Bei aller Vorliebe für sakrale Atmosphären und E-Musik- Ernst schätzt Holter das Profane. Schmierige Cheapo-Synthies oder schlüpfrige Saxofoneinlagen signalisieren blasphemische Brüche, und in der Julia-Holter-Welt ist selbst experimenteller Yacht-Rock möglich. Außerdem erden die Feldaufnahmen und Alltagsgeräusche, mit denen Holter wieder arbeitet, den Klang. Geraschel und Vogelzwitschern stehen für realness im Erhabenen.
Wenn man Julia Holter etwas vorhalten kann, dann ihr Beharren auf Referenz- und Kontextlosigkeit. In Interviews erklärt sie Quellenforschung gerne für obsolet, dabei sind die Spuren etwa von Joni Mitchell, John Cage oder Robert Wyatt unüberhörbar. Zudem erinnern einige Songs auf dem neuen Album an das lakonische Spiel des Japan-Bassisten Mick Karn. So verständlich die Geste des weiblichen Geniekults sein mag, sie wirkt doch etwas snobistisch. Und ganz davon abgesehen hängen auch an den Göttern und Göttinnen längst üppige Fußnotenapparate.

Das Album ist derzeit komplett bei NPR im Stream vorhörbar.