Review & Stream: Jessy Lanza Pull My Hair Back

JESSY LANZA
PULL MY HAIR BACK
HYPERDUB / CARGO – 13.09.2013

Hyperdub bringt am Freitag Pull My Hair Back, das Debüt von Jessy Lanza heraus. Unsere Rezension begleitet der Stream dieses Entwurfs von Pop als intelligenter Lebensform.

Was passiert, wenn Pianisten die Möglichkeiten ihres Instruments nicht mehr so richtig aufregend finden und sich nach neuer Inspiration umsehen? Bei der Kanadierin Jessy Lanza fiel die Wahl auf analoge Synthesizer. Eine ausgezeichnete Entscheidung, wie sie mit ihrem Debütalbum unter Beweis stellt. Das Schönste daran: Jessy Lanza macht Synthiepop, der einen nicht groß darüber nachdenken lässt, ob man so etwas schon mal in ähnlicher Form von anderen Künstlern gehört hat. Hier wird kein Genreterritorium vollständig umgegraben, sondern schlicht und einfach alles richtig gemacht.

Jessy Lanzas Popentwurf ist zunächst einmal sehr zurückhaltend im Einsatz der Mittel. Die Songs haben keinen unnötig komplizierten Aufbau, stattdessen folgen sie oft dem Vorbild von Clubtracks, steigern sich gelegentlich, ohne übers Ziel hinauszuschießen. Überwiegend lassen sie aber einfach den mit Bedacht gewählten, gern unterkühlt hallenden Elementen ihren Raum. Darin entfaltet Jessy Lanzas hohe, nur scheinbar unbedarft daherkommende Stimme dann ungehindert ihre diskrete Verführungskunst. Man kann sich sehr, sehr schwer entziehen.

Dass Lanza von R’n’B-Producern der 90er- Jahre wie Missy Elliott oder dem aktuell wieder schwer beschäftigten Timbaland beeinflusst ist, zugleich aber auch ein ausgeprägtes Interesse an House, Disco oder eben dem elektronischen Pop der 80er zu erkennen gibt, macht die Musikerin aus Hamilton in Ontario zur idealen Partnerin von Jeremy Greenspan von den zufällig aus derselben Stadt stammenden Junior Boys. Greenspan hat Pull My Hair Back gemeinsam mit Lanza geschrieben und produziert, was man der Platte im guten Sinne anmerkt. Ein Gewinn für alle Beteiligten, wenn man so will.

Denn am ehesten knüpfen die beiden da an, wo die heutzutage etwas gründlicher polierten Junior Boys vor fast zehn Jahren begannen: bei einer fragilen Kombination von Elektropop und Clubmusik. Greenspan interessierte sich damals stark für britischen Two Step und Garage, sodass es fast eine Spur zu konsequent erscheinen mag, wenn sich Jessy Lanza jetzt auf dem Londoner Label Hyperdub wiederfindet, das sich als eine der wichtigsten Adressen für Dubstep und Bassmusik etabliert hat. Für Labelkollegin Ikonika sang Lanza denn auch schon die Nummer »Beach Mode (Keep It Simple)« ein.

Das Hyperdub-Universum hat sich mittlerweile in zusätzliche Richtungen elektronischer Pionierarbeit ausgedehnt. In diesem Kosmos nimmt Jessy Lanza die bisher eindeutigste Mainstream-Position ein. Doch bei Hyperdub bedeutet das keinen Ausverkauf, sondern einen Beitrag zu Pop als intelligenter Lebensform, was vergangenes Jahr etwa auch Morgan Zarates sehr erfreuliche EP Broken Heart Collector belegte. Man kann Jessy Lanzas Album daher gar nicht genug Hörer wünschen. Und wer meint, das Disco-Jahr hätten Daft Punk uneinholbar für sich entschieden, kommt bei Lanzas schamlosem Ohrwurm »Keep Moving« vielleicht noch einmal ins Grübeln. Ein schnörkelloses, knapp gehaltenes Album, das einen voller Sehnsucht nach mehr entlässt.

Das Album gibt es derzeit vorab bei Pitchfork zu hören. Jetzt weiter auf SPEX.de: Ikonika im Interview, Stream & Interview von und zu MGMTs neuem Album MGMT, Stream von Kim Gordons Body/Head Coming Apart, Rezension & Stream von Janelle Monáe The Electric Lady.

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.