Jack White Lazaretto

Was macht man, wenn man so wie Jack White die Konkurrenz weit hinter sich gelassen hat? Natürlich weiter. Eine Rezension seines neuen Albums Lazaretto.

Emotionale Bestandsaufnahme nach der Frage des SPEX-Redakteurs, ob man die auferstandenen Pixies oder die Neue von Jack White besprechen möchte (war noch mehr dabei und hätten auch beide sein können, wenn gewünscht). Vorherrschendes Gefühl (neben: »warum?«): »alt!« So als wäre dieses Magazin Stereoplay oder Ähnliches, und man müsste zwischen den auferstandenen Foreigner und der neuen Jeff Beck entscheiden. Mich also für den Jüngeren mit dem weniger ausgeprägten Warum entschieden, denn der Jack war ja nie weg. Und besser aussehen als die Wiederauferstandenen tut er auch. (By the way: Jack White and Frank Black, guys, you should unite and do a version of »Ebony And Ivory«!)

Tatsächlich aber hatte ich die schwer begründbare Hoffnung, dass Mr. White, dem ich seinen DIY-Anarcho-Punkrock-Kern immer abkaufen werde, einfach mal etwas anderes macht. So rückwärts auf’m Kamm blasen mit Tierstimmen und Breakbeats zum Beispiel. Dem ist natürlich nicht so, ein Duett mit Alicia Keys muss reichen. Der gute alte folkloristische US-American-Blues-Rock-Rootsman ist bekanntlich noch stärker in Jack verankert als alles gegen den Strich Gebürstete. Und die fotogene Figur dazu wird nunmehr nur noch verfeinert – ein schweißbefreiter Philly-Soul-meets-New-Orleans-Anzugträger, der die Blues Explosion stadionkompatibel übersetzt.

Apropos Stadion – hätte hier jemand gewusst, dass Mr. White mit seiner letzten Veröffentlichung in den USA und im UK auf Nummer 1 war (und hierzulande auf 3)? Eine Tatsache, die mich ebenso wie die meilensteinige Bedeutung der White Stripes immer noch befremdet. Mit Lazaretto kommt nun aber musikalische Nachvollziehbarkeit auf. Großer Klang, große Gesten, Rock’n’Roll im Jack-White-geerdeten, aber gleichzeitig ultra-konservativen Spannungsfeld zwischen Lynyrd Skynyrd und Led Zeppelin. Mit deren Jimmy Page er ja auch im schwer erträglichen Schwanzvergleich-Filmepos It Might Get Loud den einzigen Semi-Sympathen gab.

Nunmehr ohne Konkurrenz Chef im Rock’n’Roll-Olymp macht er was? Umgibt sich mit Friedhofsengeln und breitet die Arme aus. Kracht und knattert mit Slide-Gitarre, Fiddle und Honkytonkklavier in Breitwand über mindestens 48 Spuren. Und geht in seiner stimmlichen Falsettohysterie auch noch einen weiteren Schritt von Spencer in Richtung Plant. Schlecht ist das nicht, ganz im Gegenteil – endlich mal ein Tonträger mit eindeutiger Gebrauchsanweisung: Neben der selbstverständlichen Trucker-Kompatibilität ist dies von Kalifornien bis Wladiwostok der universelle Herrentags-Soundtrack für audiophile 40-Somethings. Dabei ist Jack doch noch nicht mal 39.

Weitere aktuelle Rezensionen: Clipping. CLPPNG, Sylvan Esso Sylvan Esso.

JACK WHITE
LAZARETTO
THIRD MAN / XL RECORDINGS / BEGGARS
ALBUM – 06.06.2014