Abseits der Norm: Ich will mich nicht künstlich aufregen läuft ab heute im Kino

Angenehme Abwechslung im deutschen Kinoalltag: Max Linz‘ Langfilmdebüt Ich will mich nicht künstlich aufregen, der ab heute auf den Großleinwänden der Bundesrepublik läuft, unterwirft sich nicht dem Diktat der Authentizität.

In der Berliner Kunstszene herrschen prekäre Verhältnisse. Das muss die ambitionierte Kuratorin Asta am eigenen Leib erfahren. Nachdem ihre Künstler zu neoliberalen Statussymbolen degradiert wurden und sie ein kritisches Radiointerview gegeben hat, steht sie ohne finanzielle Unterstützung für ihre geplante Ausstellung (Titel: Das Kino, das Kunst) da. Asta bleibt nur noch eins übrig: Widerstand leisten. Gegen das Establishment. Gegen jede Form von Normativität. Und in erster Linie natürlich gegen den blöden Kapitalismus.

Ich will mich nicht künstlich aufregen ist das Langfilmdebüt des dffb-Absolventen Max Linz und bietet in erster Linie eine angenehme Abwechslung im deutschen Kinoalltag. Statt sich etwa am oft sterilen Realismus der Berliner Schule zu orientieren, sucht Linz seine Inspiration vor allem an der Berliner Volksbühne, insbesondere beim diskursiven Boulevardtheater von René Pollesch. Dem Diktat der Authentizität hält der Film in lose verbundenen Szenen eine offensive Künstlichkeit entgegen, die sich etwa in windigen Pappdekors niederschlägt oder auch bei den Darstellern, die ihre Texte betont emotionslos rezitieren und sich in stilisierte Posen werfen. Auf der Berlinale 2014 hat diese sehr eigene Ästhetik durchaus für Irritationen gesorgt. Dabei liegt gerade in der Abweichung von der Norm – sei es durch die Miteinbeziehung von Mitgliedern des Behindertentheaters Ramba Zamba oder durch den ungewöhnlichen, immer etwas holprigen Sprachduktus – die Qualität des Films. Ich will mich nicht künstlich aufregen wirkt wie ein einziger Verfremdungseffekt, wobei sich zwischen den vielen Brüchen auch absurder Humor entfaltet.

Eines der Probleme des Films ist, dass er sein Publikum mit einer Unmenge an Theorie überrollt. Teilweise fühlt man sich, als hätte man es mit einem übereifrigen Erstsemester zu tun, der seinem Umfeld unbedingt mitteilen will, was er schon alles gelesen hat. Wenn nicht gerade aus akademischen Publikationen zitiert wird, halten die Darstellerinnen gerne Bücher aus dem Suhrkamp Verlag in die Kamera. Doch die Geisteswissenschaft ist nicht die einzige Leidenschaft des Regisseurs. Teilweise wirkt Ich will mich nicht künstlich aufregen wie ein Imagevideo für Berliner Kulturhipster mit politischem Bewusstsein, inklusive Seinfeld-Referenzen, urban gardening und lockerem Plausch mit den Graffiti sprühenden Migranten-Youngsters von nebenan. Zum Abschluss marschiert Asta noch auf einer Kreuzberger Demo gegen zu hohe Mieten mit. Seltsam ist das vor allem, weil in den Dialogen zwar alles Mögliche hinterfragt und dekonstruiert wird, die selbstgerechte Aufgeklärtheit der Protagonistin und ihrer Freunde aber meist unkommentiert bleibt. Dabei hätte sich so mancher interessante Ansatzpunkt gefunden. Zum Beispiel der, dass es durchaus Leute wie Asta sind, die in ehemalige Arbeiter- und Armeleuteviertel wie Kreuzberg und Neukölln ziehen, damit daran teilhaben, dass die Kieze zu angesagten Hotspots werden, und den verteufelten Gentrifizierungsprozess überhaupt erst in Gang setzen.

Ich will mich nicht künstlich aufregen
D 2014
Regie: Max Linz
Mit Sarah Ralfs, Pushpendra Singh, Hannelore Hoger u. a.

Dieser Text stammt aus der SPEX-Printausgabe °358, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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