Review: I Break Horses Chiaroscuro

I Break Horses Chiaroscuro
I BREAK HORSES
CHIAROSCURO
BELLA UNION / PIAS / COOPERATIVE
ALBUM – 17.01.2014

Die zwei Schweden von I Break Horses haben auf ihrem zweiten Album Chiaroscuro nur Platz für zwei Helligkeitsstufen. Das ist nur konsequent, findet die Rezension:

Chiaroscuro, abgeleitet aus dem Italienischen für hell (chiaro) und dunkel (oscuro), ist ein ursprünglich in der Bildenden Kunst und Fotografie verwendeter Terminus, der das kontrastierende Licht-und-Schatten-Spiel zur Erzeugung von Tiefenwirkung beschreibt. Dass sich das schwedische Popduo I Break Horses, bestehend aus der Multiinstrumentalistin und gleichzeitig dem kreativen Kopf Maria Lindén und ihrer lyrischen Muse Fredrik Balck, für seine zweite Platte diesen kunstträchtigen Titel ausgesucht hat, stellt von Anfang an alle Weichen in Richtung Konzeptalbum: Suggeriert wird ein expressives Spiel mit Ambivalenzen, Dualismen und gegensätzlichen Stimmungen – der ambitionierte Versuch, die Kunst des Chiaroscuro in ein kontemporäres Popkleid zu übertragen.

Tatsächlich exerziert Lindén die Clair-obscur auf jeder kompositorischen Ebene durch. Jede Sekunde ist von vornherein besetzt mit einer intuitiven Zuordnung, die sich in exakt zwei assoziative Zirkel aufteilen lässt: dem Licht oder der Dunkelheit zugehörig. So nährt sich der Opener »You Burn« aus der Sprache der sinistren Schatten und eröffnet mit treibsandartigen Harmonien und lyrischen Repetitionen den zweifach bespannten Konzeptrahmen. Es ist ein gewollt großer Auftakt: Akt eins, Szene eins, Auftritt des Obskuren! Im Treibsand führt bekanntlich jeder Versuch der Befreiung nur tiefer ins Verderben, kontrastiert wird demnach gleich mit dem schillernden »Faith« und einer gewundenen Brücke zum Debütalbum Heart. Lindén und Balck überziehen die typisch abfallenden Kaskaden der shoegaze-haften Wehmut mit einer zuckrigen Glasur – und schon lassen sich die aufpolierten Harmonien um einiges einfacher einverleiben als noch die wüsten Landschaften des Vorgängers.

»Berceuse« wiederum, ein schattiges glitchy Wiegenlied, invertiert die zarte Harmonik eines Schlaflieds zu einer schaurigen Kantilene, die sich schleichend auf das nachfolgende »Medicine Brush« ausbreitet. Das Clicken und Cutten unterstützt die gläsernen Sirenengesänge, das Drängende, sich Aufstauende, Quälende bleibt. Und weiter geht die konstruierte Schwarz-Weiß-Inszenierung: Die luziden Stücke des letzten Drittels, »Disclosure« und »Weigh True Words«, schwingen mit synkopischen Überreizungen und flirrenden Polyphonien in Tremolo und sorgen für einen kurzen, aber munteren Auftrieb vor dem dampfigen Epilog (»Heart To Know«).

Chiaroscuro endet damit genauso bedeutungsschwanger, wie es begonnen hat, und ist in seiner motivischen Komposition konsequent; subtile Einschläge sucht man im großen, dekorativen Entweder-Oder jedoch vergebens. Warum aber nicht einmal einen Schritt zurücktreten, um dann wieder nach vorne gehen zu können? Manchmal ist so eine Portion Obsoleszenz doch ganz erfrischend.

Weitere Besprechungen und Streams zu am Freitag erscheinende Alben: Warpaint Warpaint, Andreas Dorau Aus der Bibliothèque & Hauptsache Ich, Damien Jurado Brothers and Sisters of the Eternal Son, Mogwai Rave Tapes.

3 KOMMENTARE

  1. […] Andreas Dorau wird gemeinsam mit weiteren Künstlern – darunter Der Plan in Originalbesetzung – in den nächsten Wochen zwei Jubiläumsgalas bestreiten – alle Daten unten. Weitere Besprechungen und Streams zu am Freitag erscheinende Alben: Warpaint Warpaint, Damien Jurado Brothers and Sisters of the Eternal Son, Mogwai Rave Tapes, I Break Horses Chiaroscuro. […]

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.