Review & Stream: Hauschka Abandoned City

Hauschka streamt seines neues Album Abandoned City. Unser Rezensent fragt sich derweil, warum Volker Bertelmann seinen Ansatz nicht konsequenter verfolgt hat.

Die ukrainische Stadt mit dem schwungvollen Namen Slawutytsch ist eine besondere Stadt: Sie wurde 1986 als Ersatzstadt für die heutige Geisterstadt Prypjat gebaut, nachdem diese als Folge des Reaktorunglücks von Tschernobyl verseucht und unbewohnbar geworden war. Solche Ersatzstädte wären doch ein gutes Thema einer Klanginstallation mit eingebundener Podiumsdiskussion, die dann vielleicht »Substitute City: Performative Citizenship And Substrata Of The Pre-Global Village« oder so ähnlich heißen könnte.

Tollste Meta-Kunstquatsch-Möglichkeiten täten sich auf! Leider hat sich der Düsseldorfer Klavierkünstler Volker Bertelmann alias Hauschka auf seinem neuen Album eher unprätentiös mit der nächsttieferen Ebene begnügt – so ist Abandoned City, wie der Name unschwer erkennen lässt, von eben jenen die Ersatzstädte nötig machenden Geisterstädten wie etwa dem eingangs genannten Prypjat inspiriert. Leerstand und die Geister früheren Lebens sind gewiss reizvolle Themen, daher werden sie ja auch ständig in allerlei Kunstzusammenhängen verwertet, allen voran in viel geisterbeschwörender, verhallter Popmusik der letzten Jahre. So ist es aber schwierig, der Sache noch etwas Interessantes abzugewinnen, und das gelingt hier auch nicht.

Was nicht heißen soll, dass das Album, von dessen neun Stücken acht nach Geisterstädten benannt sind, nicht ganz hübsch klingt: Das warme Klöppeln und Knarren des präparierten Klaviers wird mit dezenten Basssynthesizer- und Beat-Einsätzen unterlegt und ferner durch differenzierte Delay- und Halleffekte gedoppelt, die gelegentlich an den Klang der Elektronik-Dub-Abstraktionen von Pole oder Burial erinnern. Doch wo bei diesen Künstlern die Abstraktion beziehungsweise der klangliche Leerstand den Mittelpunkt bildete und gleichzeitig zu Rhythmen verarbeitet wurde, hat Hauschka den Drang, alle Lücken zu füllen. Und die Füllung besteht aus naiven Klaviermelodien und Akkorden, die manchmal an den Meister des naiven Kitsch-Filmsoundtrack-Klaviers Yann Tiersen gemahnen. An anderen Stellen wird es dramatischer oder rhythmisch komplexer als bei Tiersen, dennoch aber geht es nie über generische Film-Soundtrackfiguren hinaus.

So wird Hauschkas meisterliches Bedienen von Hall und Echo überlagert von Musik, die an urbane Zeitrafferfilmsequenzen erinnert. Hall und Echo sollen hier vielleicht signalisieren, dass es sich um ein vergangenes Urbanleben handelt. Spannender und konzeptgerechter wäre es vielleicht gewesen, Teile der Musik zu löschen und Hall und Echo allein stehen zu lassen. Dazu hätte man sich auch sehr schöne Podiumsdiskussionsthemen ausdenken können. »Re-Sounding Urban Space: Digital Reflections Of The Post-Digital Meta-City« vielleicht?

Zeit.de streamt Abandoned City derzeit in voller Länge. Jetzt weiter auf SPEX.de: Kevin Drews ebenfalls am Freitag erscheinendes Darlings im Album-Stream, Yann Tiersen kündigt neues Album ∞ (Infinity) an.

Hauschka live
22.03. Berlin – Radialsystem

Hauschka Abandoned City
HAUSCHKA
ABANDONED CITY
CITY SLANG / UNIVERSAL
ALBUM – 14.03.2014

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