Review: Fat Freddy's Drop Based On A True Story

In Wellington, Neuseeland, stoßen große Erdplatten gegeneinander. Noch vor 2010 erwarten sie »The Big One« ? und haben sich in Gedanken schon mal von einem Großteil der Stadt verabschiedet. Hier reiben sich seit Mitte/Ende der Neunziger in dieser kompakten und südlichsten aller Hauptstädte DJs und Studenten der örtlichen Jazz-Schule an rockenden Bogans, es entstand ein Swinger Club von Musikprojekten, in dem alles kann und nichts muss. Ganz ruhisch, Alder. Der samoanische Turm im Zentrum hört auf den Namen »Mu« Faiumu aka DJ Fitchie, kümmerte sich im Campus Radio um House, Techno & Jungle, während er mit seinen Soundsystem-Kumpels die Versorgung mit jamaikanischen 7?s sicherstellte.
Weil nun alle so wahnsinnig nett miteinander waren im Städtchen voller Charaktere aus der mit dem ortsüblichen Nationalstolz gefeierten Zeichentrickserie Bro’town, wurden die Jams immer länger, der innere Kreis immer größer ? und im Kern dessen, was sie »den Wellington Sound« nennen, stand neben der MPC ? selbst 12?s waren zu kurz geworden, um alle unterzubringen ? irgendwann eine siebenköpfige Truppe mit dem Namen Fat Freddy’s Drop.
Auf der Bühne besticht, neben Keys und Gitarre, die wohl unterhaltsamste noch lebende Hornsection, die sich wiederum aus Mitgliedern der Black Seeds und Trinity Roots zusammensetzt. Letztere haben beim prestigeträchtigsten neuseeländischen Musikpreis gleich 3 bNet-Awards eingeheimst ? trotz ihrer Auflösung vor wenigen Monaten. Dass neben »Mu« als Produzent dort auch Dallas Tamaira aka Joe Dukie als bester Vokalist ausgezeichnet wurde, überraschte die wenigsten. Eine der charakteristischsten Kopfstimmen der letzten 30 Jahre, die den Raum der Reggae-Basslines ausnützt, um über einem sparsam instrumentierten Gerüst dem Drop Seele zu geben und ihn zusammenzuhalten.
Doch wie transportiert man die Erfahrung tausender Jams und Tour-Gigs nach sechs Jahren in ein in sich schlüssiges Studio-Album? Die versteckten Breaks in »Flashback« sind da so ein Beispiel und sicherlich die passendste 12?, mit der Sommersprossen vom anderen Ende der Welt per Post überraschen können. Und ein Musterbeispiel für das Arrangement eines Kollektivs innerhalb eines Tracks, demokratische Studioprozesse verschmelzen im Edit, gehen auf Reisen, entdecken Abgründe und Umwege und verlieren dabei das Ziel nie aus den Augen. Alles fühlt sich wohlplatziert, organisch gewachsen, zu schnell vorbei an ? was man bei einer Standardtracklänge von sieben Minuten erst mal hinbekommen muss. »Ray Ray«, »This Room«, »Del Fuego«, »Dark Days«, »Wandering Eye« ? sie alle erzählen Geschichten, die so viel tiefer gehen, als die knuddelige Optik glauben lassen will ? ohne jemals mit irgendwelchem Zecken-/Roots-Besserwissertum zu nerven.
Das wächst zu einem kompletten Album und entzieht sich alles komplett der Verwertungslogik multinationaler Konzerne zwischen Klingeltoncharts, Anspieltipp und 3-Minuten-Radiosingle und kann deswegen doch prima schon bei Veröffentlichung Platin gehen. Ein Indie-Märchen aus dem Downbeat-Wunderland, der Wu-Tang Clan im »Sweetass, Bro«-Rmx. In dem ein gewisser Recloose, eine 12? namens »Midnite Marauders«, das dem Sonar Kollektiv angegliederte Best 7-Single Label und Gilles Petersons »Worldwide Maida Vale Sessions« entscheidende Rollen spielen. Neben der Ruhe, sich mit sporadischen VÖs wie der »Live at the Matterhorn«-EP 2001 oder der Hope 10? (hier als gospelig gelagerte Abschlussveranstaltung in eine völlig andere Richtung gehend) zu begnügen. Und trotz aller Erwartungshaltungen und verlockender Angebote alles selbst zu veröffentlichen, um den Lauf der Räder der Industrie zu erlernen, eigene Strukturen zu schaffen. Da ist es Ehrensache, dass eine der größten Hoffungen diesseits von Philadelphia, Ladi6, auch bekannt von Aucklands Open Souls/Verse Two, gefeaturet wird. Ein Märchen, das nur wahr werden konnte, weil die Hintergründe und Ambitionen gesund sind und nicht nur Keyboarder Ian Gordon sich lieber um Hochseefischen, Jagen und Kochen denn um Oozing&Schmoozing kümmert. Essen und trinken halten auch heuer noch die Seele zusammen.
Sollte das große Beben jemals kommen und Wellington im Meer versinken, wird der Drop in unseren Erinnerungen weiterhin oben schwimmen. Wellen geschlagen haben und noch schlagen. Wie Marvin in seinen besten Momenten werden sie zugleich zeitlos sein und doch bestimmt an jetzt erinnern. Ihre Hauptfrage wird alles überdauern: »Tell me, what’s the world with no soul?« Wer nach diesen runden 70:02 Minuten da noch nicht weiter ist, muss wohl jemanden wie A Punkt Merkel heiraten.

LABEL: The Drop

VERTRIEB: Sonar Kollektiv

VÖ: 25.07.2005

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