Review: Eric Pfeil Ich Hab Mir Noch Nie Viel Aus Dem Tag Gemacht

ERIC PFEIL
ICH HAB MIR NOCH NIE VIEL AUS DEM TAG GEMACHT
TRIKONT / INDIGO – 27.09.2013

Die »richtige Abfahrt« führt Eric Pfeil, den nunmehr musizierenden Popkritiker, nach Italien. Eine emphatische Rezension seines Debütalbums Ich hab mir noch nie viel aus dem Tag gemacht, dem wohl noch ein Espresso mehr gut getan hätte.

Thees Uhlmann sagt: »Eric Pfeils Platte schafft mit Worten und Musik eine Leichtigkeit in Traurigkeit, die ich in deutscher Sprache noch nie so erlebt habe. (…) Als ob sich Element Of Crime mit Adriano Celentano im Mezzogiorno treffen und zusammen Musik machen.« Jetzt mal im Ernst: Ist mit mir was falsch, weil ich Tomte nicht mag? Nein, nicht »nicht mag« sondern nicht »mag«. Ich mag Menschen, Kinder, Tiere, Gemüse, Getreidefelder, Sonne, Liebe, sogar The Smiths. Aber Tomte? Das anregendste Erlebnis mit Uhlmanns Band war ein Comic des Berliner Humorgurus Fil, in dem sich seine Chef-Charaktere Didi & Stulle nur vor dem Tod in Saddam Husseins Gefangenschaft retten können, weil sie sich (verlogenerweise) als Tomte-Fans ausweisen und einschleimen, indem sie behaupten, die erste Platte wäre doch viel besser als die zweite.

Nun höre ich dieses italophile Hardcore-romantische Debüt eines entfernten alten Bekannten, der sich ebenso lange wie ich an Popkultur abgearbeitet hat, wenn auch ganz (wo)anders: Viva und FAZ. Außerdem kann er Gitarre spielen und singen. Neid? Wie kann man auf jemanden neidisch sein, der »Ich habe leider nur Liebe« singt und das auch so meint? Entwaffnet euch! Gewidmet seinem unlängst verstorbenen Vater, mit seiner Tochter im Background-Chor: ein Album wie ein selbst gepflanzter Apfel- oder besser Olivenbaum, denn alles außer Sprache und Musik kündet von Eric Pfeils amore per l’Italia. Vom Land, wo man keine Psychopharmaka und Verhaltenstherapeuten braucht, weil an jeder Ecke ein Philosoph sitzt und Geschichte lebt.

Natürlich sind die Texte, gesungen warm wie vom bestmöglichen Vater zum Kind, trotzdem voll von allen Abgründen unseres Daseins, wie es nach intensiven Medienleben gar nicht anders möglich ist. Doch Hut ab zum Gebet! Betrachten wir die Zombiewelt da draußen, ist dies ein klarer Fall von »richtige Abfahrt genommen«. Dreimal komplett durchgehört und kaum falsche Worte, einige Rüttelreime und Kalendersprüche, einige wenige Wiederholungen, die nicht hätten sein müssen, aber ansonsten nix als menschenfreundlich-poetische Wahrheit aus dem Zwischenmenschenland. Ich gestehe: Ich bin berührt, habe mehrfach genickt und geschmunzelt, ja sogar geschunkelt und das intensive Verlangen nach dem Streicheln abendlich nachwärmender alter Südlandgemäuer verspürt. Und das Verlangen nach anderer Musik und keinen Texten – aber ich bin sicher, Eric Pfeil wäre der Letzte, der das nicht verstehen würde. Noch vor »Liebe« ist im Übrigen »müde« das am meisten verwendete Wort. Darauf ein empathisch-warmes Gähnen.

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