Das Leben aus der Vogelperspektive: Roy Anderssons Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Verlorene Schönheit in entfesselten Farbabstufungen: Roy Andersson präsentiert sich in seinem Trilogie-Abschluss Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach scharfsinnig und demütig.

39 Szenen machen Roy Anderssons Taubenblick auf das menschliche Leben aus. 39 filmische Tableaus der Vergänglichkeit, in denen gewartet und gelitten und aufbegehrt und bereut und erkannt und nicht gesehen und eingesehen und weggesehen und ausgehalten und vergessen wird und in die mehrmals vergangene Zeiten einbrechen. Der große schwedische Einzelgänger Andersson ist 70 geworden über sein schmales Werk von fünf Spielfilmen, an seinem neuesten, in Venedig mit dem Goldenen Löwen prämiert, arbeitete er vier Jahre lang und drehte dafür zum ersten Mal digital: vollendete Tiefenschärfe, ins Übersinnliche gesteigerte Kontrolle der Bilder, verlorene Schönheit in entfesselten Farbabstufungen.

Waren Andersson letzte Filme Songs From The Second Floor (2000) und Das jüngste Gewitter (2007) noch von Untoten bevölkert, von Albträumen und einer Tischdecke, die auf einer grotesken Festtafel die Intarsienarbeiten voller Hakenkreuze überdeckte, befreit sich Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach mit den Spuren analoger Aufzeichnungsformen nun auch von der psychologischen Vermittlung zwischen den einzelnen Tableaus: von der Verdrängung, Gier und uneingestandenen Schuld, die die Geister ins Bild riefen. Sam und Jonathan, zwei traurige Vertreter von Scherzartikeln, kommen auf ihrer Odyssee des unmöglichen Absatzes von Vampirzähnen, Lachsäcken und Gevatter-Einzahn-Masken ohne Umwege über die Wollmäuse der Psyche mit der Vergangenheit in Berührung: mit einem Lied über Soldatenküsse, das im Jahr 1943 in der Kellerkneipe der hinkenden Lotte in Göteborg angestimmt wird, und mit dem Feldzug Karls des XII. gegen Russland im einbrechenden 18. Jahrhundert. Anderssons schwedischer König ist schwul. Er lässt einem im 21. Jahrhundert lebenden Barkeeper ausrichten, dass es ihm Vergnügen bereiten würde, wenn dieser ihm Mineralwasser einschenken und im Zelt des Königs nächtigen würde. Wenig später zieht die geschlagene schwedische Armee in einem endlosen Zug vor der Glasfront der Kneipe vorbei.

Wie in der Sprache des Nouveau Roman ist in diesem Film irgendwann alles zugleich anwesend, die Schauplätze wiederholen musikalische Themen. Die Sinfonie der Einsamkeit und der Liebe, zu der sich die mit Musik durchsetzten Geräusche eines plötzlichen Autostaus in Songs From The Second Floor vereinten, ist hier nicht zu hören. In Anderssons Abschlussfilm seiner Trilogie über die Menschlichkeit zerfällt das Gesamtbild, ein einzelner Ton bleibt übrig. Er wird von verbrennenden menschlichen Körpern in einer Kupferorgel erzeugt, in einer Szene, von der Andersson sagt, sie 50 Jahre lang im Sinn gehabt zu haben. Jetzt ist sie eines von 39 Bildern, scharfsinnig und demütig.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach
SWE, NOR, FRA, D 2014
Regie: Roy Andersson
Mit Nils Westblom, Holger Andersson u. a.

Dieser Text stammt aus der SPEX-Printausgabe °358, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

2 KOMMENTARE

  1. Schrecklichster Film ever!!!! Noch in meinem Leben kein so Menschenverachtender scheiß gesehen!!!! Das volle Kino war nach einer halber Stunde halb leer…. Gruselig!!!!

    • Sofern man von deinem fehlenden Sprachempfinden auf dein Kulturempfinden schließen darf, überrascht mich diese Negativbeurteilung nicht.

      Roy Andersson gehört zu den ganz wenigen Größen des kontemporären Kinos, der (das meinst Du wahrscheinlich mit „menschenverachtend“) in der Tradition des absurden Theaters à la Beckett & Konsorten steht.

      Das nächste Mal vielleicht eher Transformes IV im Kino anschauen, oder irgendwas mit Brad Pitt…

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