Review: Cibelle ΔUnbindingΔ

Cibelle - Unbinding

CIBELLE
ΔUNBINDINGΔ
CRAMMED DISCS / INDIGO – 04.10.2013

Auf ΔUnbindingΔ nimmt die brasilianische Künstlerin Cibelle einmal mehr eine neue, warme Form an. Eine Rezension ihres am Freitag erscheinenden Albums.

Einen Albumtitel 2013 mit einem Sonderzeichen beginnen und aufhören lassen? Schwierig. Sofort blitzen Visionen von Horden sich unheimlich wichtig nehmender Unterstriche, penetrant einzuhaltender Groß- und Kleinschreibung und unpassend platzierter diakritischer Zeichen aus den 1990er-Jahren auf, als die neuen Gestaltungsmöglichkeiten digitaler Schriftgebung das Ultimativum des Club-Chic waren. Bei Cibelle, der in London lebenden brasilianischen Musikerin, weist das in die richtige Richtung – und ist doch ganz anders zu bewerten, wie so oft. Denn die seit ihrem fünften Lebensjahr musizierende Sängerin, die sich mit jeder ihrer Veröffentlichungen neu positioniert und von Sci-Fi-Autor Bruce Sterling als künstlerische Avantgarde gefeiert wird, lehnt sich auf ihrem vierten Album tief zurück in die zitierte Dekade und floatet dabei doch weit draußen im Raum-Zeit-Kontinuum. Alles wieder anders.

Cibelle, ursprünglich aus São Paulo stammend, ist mehr als eine supertalentierte Musikerin ein performativ agierendes Gesamtkunstwerk, ihr eigener Avatar, der auch im Video zum Song »Breathin« eckig durch eine ebenso eckige Cyber-Natur fliegt. Nachdem sie auf den letzten Platten das exzentrisch-tropicalistische Element eher songwriterisch bedient und stimmlich raffiniertesten Bossa-Schmelz verbreitet hatte, rollt sie auf ΔUnbindingΔ gemeinsam mit dem Londoner Produzenten Klose einen pumpend-glitzernden 90er Club- bis Deep-House-Teppich aus, der mit seinen breiten, weichen Synthieflächen unverbraucht verheißungsvolle Wärme verströmt.

Obwohl sich gesanglich Parallelen zu Morcheeba, Nicolette und in den ekstatischen Momenten zu Róisín Murphy auftun, bewahrt die stimmliche Überzeichnung durch Klose vor epigonalen Effekten: »Nasse« und »trockene« Elemente werden radikal gegeneinander in Stellung gebracht, von krispem Flüstern bis zu gellendem, ja, Kreischen ohne nerviges Show-off-Gehabe wird ein beeindruckendes Vokalpanorama angelegt, das in coolem Widerspruch zu den bewusst dünnen, aber dennoch superpräsenten Instrumentalsounds steht. Oder, wie Hacker-Romancier Sterling es weitaus poetischer ausdrückt: Die neue Platte habe so etwas Erfrischendes und Sommerliches an sich, »wie eine Mischung aus Gurke und Limettensaft von einem Straßenstand, von der man erwartet, sie nicht zu mögen, sie dann aber doch ganz schön gut findet«.

Und natürlich hat Konzeptkünstlerin Cibelle auch das mit den Sonderzeichen durchdacht, denn das magische Hipsterdreieck Delta ist der vierte Buchstabe im griechischen Alphabet und steht unter anderem – für Veränderung.

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