Banks Goddess

Banks‘ lang erwartetes Debütalbum Goddess ist die flüchtige Antithese zum Jetzt im weiblichen Pop – dicht, abstrakt und unverstellt.

Der Raum ist nackt, die Wände haben Augen. Man sitzt inmitten eines Glaskubus im Hauptquartier einer Plattenfirma, es gibt nichts zu sehen, nichts zu lesen, nur Musik. Selbst auf die Tracklist, die auf einer Schwarz-Weiß-Kopie präsentiert wird, soll man nur einen kurzen Blick werfen. Zu vertraulich. Geheim, intim, nackt. Ausnahmekünstlerin. Eine reizwortaufsatzartige Betrachtung der mit Vorliebe in London produzierenden Los Angelena Jillian Banks, die es mit einer Handvoll veröffentlichter Songs und Videos unter anderem auf den Titel dieser Zeitschrift schaffte, drängt sich, nicht nur dank Social-Media-Absenz und allgemein-unverbindlicher Interviewaussagen, zur Umzirkelung des Phänomens förmlich auf. Banks gibt die so flüchtige wie dringend benötigte Antithese zum Jetzt im weiblichen Pop – und ist dabei doch genau im Moment positioniert.

»Keine Dancing Poles, kein Twerkin’, keine Stripperoutfits. Nur echte Musik«, kommentierte eine YouTube-Nutzerin vor Monaten enthusiastisch unter dem Video zu »Warm Water«. Selbst dass ein Banks-Stück für einen Victoria’s-Secret-Werbespot verwendet wurde, dem Inbegriff des hier inkriminierten Looks, tut der Verehrung der kontrolliert unterkühlten, leise leidenden und unendlich eleganten Sexiness von Banks keinen Abbruch. Sie ist der herbeigesehnte Gegenentwurf zu Miley und Rihanna, die mit hängender Zunge und zuckenden Hüften zu laut und zu offensichtlich »Sex« sind, und das ehrenhafte Korrektiv zu Lana Del Rey, wenn die klassische Schwarz-Weiß-Ästhetik der Videos Banks edle Züge verschattet, statt dicke Lippen auszustellen. Auch möchte man sie gerade jetzt als Zukunft des ehemals zukünftigen Neunzigerjahre-R’n’B für sich behalten, wo sie doch selbst lieber ihrer Verehrung für erdige Stimmen wie jenen von Fiona Apple und Lauryn Hill Ausdruck gibt.

Stimmen, die gibt es auf Goddess, dem kniezitternd erwarteten ersten Album, auf dem sich neben bereits gehörten Hits wie »Warm Water« und »This Is What It Feels Like« rund zur Hälfte neue Kompositionen befinden. Und wie: Neben Banks’ eigenem Organ, das zwischen engelsgleichem Fiepen, seelenvollem Seufzen, Kate-Bush-Expressionismus und Whiskeytrinkerinnen-Rockismus changieren kann und dabei oft tatsächlich mehr nach Songwriterin als R’n’B-Maestra klingt, wickeln sich im Background vielschichtig zerhackte und übereinandergelegte Vocals um Regenwaldgeäst oder verschwinden im Küstennebel. Dabei schaffen sie an manchen Orten neue, nie gehörte Verbindungen, wenn durch den Maschinenwolf gedrehte Laute nicht mehr Buchstaben zugeordnet werden können: In der Nähe von »wha-ha« oder »oh-eh-eh-eh« oder »woh-oh-oh-hey-yah« streunen Mensch-Technik-Sounds durch die Songs, verselbständigen sich, werden konterkariert durch dumpfe Bässe, die wie in »Fuck Em Only We Know« in Richtung Dubstep-Wobble kriechen.

Und doch ist durch den Wechsel zwischen dichten, manchmal Klanginstallations-artigen Sounds sowie Fabrikwaren-Pop-Teppichen auf der einen Seite und unverstellten Gesangsmomenten auf der anderen das Gefühl für reduzierte, lichte Strukturen da. Und auch so etwas wie Echtheit zwischen Melancholie und fast ironischer Selbstbezichtigung. Etwa wenn Banks in »You Should Know Where I’m Coming From« ihren Liebhaber vor sich selbst warnt: »I was alone when I burned my home / And all of the pieces were torn and thrown«. Oder wenn sie als seidige Enchantress in »Someone New« eine der schönsten, unverschämtesten Liebeserklärungen gibt: »Baby be patient for me / Please don’t fall in love with someone new«. Genau so hält sie ihr Publikum mühelos am ausgestreckten Arm fest, immer lockend, nie endgültig einlösend.

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