ARCADE FIRE
REFLEKTOR
UNIVERSAL – 25.10.2013

Arcade Fires Reflektor ist als Endlosschleife gedacht. Der erste Song beginnt mit einem Wabergeräusch, das nahtlos ans Ende des letzten Stücks anschließt, auch der Übergang von der ersten zur zweiten CD verläuft, zumindest auf MP3-Playern und Computern, fließend. Man könnte sich also zurücklehnen und diese Platte ab jetzt für immer hören – oder wenigstens bis einem die Festplatte durchbrennt. Genug zu entdecken gäbe es: Gemeinsam mit Produzent James Murphy haben Arcade Fire ein Stichwortverzeichnis der letzten 40 Popjahre angelegt. Reflektor ist die Sorte Album, die sich anhört, als wären alle anderen wichtigen Alben auch noch mit drauf.

Schon die Ausmaße sind gewaltig: 60 Songs haben Arcade Fire in Jamaika, Haiti und New York aufgenommen, 13 davon bilden nun ein 75-minütiges Doppelalbum, das ohne Pausen und erleichternde Momente aus dem Vollen schöpft. Im discofixierten Titelstück klemmen sich Saxofon, Bongos, Congas, Marimba, Streicher, Hacienda-Klavier und David Bowie zwischen die klassische Rockband-Besetzung. »Flashbulb Eyes« klingt, als hätte Lee »Scratch« Perry Beck in seiner Midnite-Vultures-Phase produziert, »Awful Sound« wie ein Art-Rock-Song, der einen Soft-Rock-Song auf seinem Sofa schlafen lässt. Für »We Exist« treffen »Billy Jean«-Bass und Talking-Heads-Gitarre aufeinander, am Ende donnert noch mal die Kirchenorgel. Das Stück gehört zu den kühleren und kürzeren auf Reflektor.

Das konservative Lager der Arcade-Fire-Fans hatte im Vorfeld aufgrund der Beteiligung von James Murphy eine Verclubbung des Bandsounds befürchtet. Tatsächlich greift so eine Vermutung nicht nur mit Blick auf Murphys Flexibilität zu kurz, sie unterschätzt auch Arcade Fires eigene Dickköpfigkeit. Vor allem auf der ersten Albumseite kommt es zu spektakulären Ergänzungseffekten: So wie Murphys LCD Soundsystem jede Abkürzung zwischen E-Gitarren und elektronischer Musik kannte, ist auch Reflektor zunächst mal Zeugnis einer bestens informierten Band.

Die Songs laufen über vor Sounds und Ideen, aus allen Richtungen drängen vermeintliche Kleinigkeiten dazwischen. Schon am unfassbar tapsigen Klang des Basses in »Here Comes The Night Time« lässt sich Arcade Fires ewige Liebe zum Detail erkennen. Obwohl das Album ohnehin vor Spielfreude brummt, geben ihm gefakete Livemomente immer wieder ein zusätzliches Gefühl von Beweglichkeit und Energieüberschüssen. Mal ächzt Win Butler bei einem Intro dazwischen, dann werden field recordings aus haitianischen Straßenzügen eingespielt. Im tollsten dieser Momente lässt sich die Band von einem Schiffschaukelbremser mit Echo-Effekt auf dem Mikrofon ansagen: The fantastic Arcade Fire!

Über die Unterschiede zwischen den beiden CDs, auf die Arcade Fire das Reflektor-Material verteilt haben, wurde viel spekuliert – auch hier zielen erwartete Unterteilungen in eine Band- und eine Murphy-Seite an den Absichten der Kollaborateure vorbei. Stattdessen geht das große Geben weiter: Selten spielt hier einfach mal ein Schlagzeug, nichts geht auf Reflektor ohne Congas und andere Percussion. Oft wartet tief im Mix eine zusätzliche Akustikgitarre, irgendwas klappert und rasselt eigentlich immer. Butlers Stimme bleibt selbst in Momenten leichter Verfremdung das alles verbindende Element, mit dem er jede Stilübung unverkennbar macht. An seinen Texten zeigen sich außerdem die eigentlichen Unterschiede der beiden Reflektor-Seiten. Butler und auch die mehr denn je zur Nebensängerin herabgestufte Régine Chassagne bemühen sich um eine Sprache aus Grundwortschatz und geraden Sätzen, es wird viel wiederholt und nur selten um allzu offensichtliche Reime herum getänzelt. Auf CD1 bleiben die Texte us vs. them nach klassischem Arcade-Fire-Verständnis: Es geht um »normal people« und ihre Gegenspieler, weder Pro- noch Antagonisten werden klar definiert. Solche Unschärfen gehören zu den Kinderkrankheiten, denen der Texter Win Butler nie ganz entwachsen ist. Seine rechtschaffenen Absichten verrutschen ihm dann schnell ins Selbstgerechte.

Dafür entschädigt der überraschende Ansatz der zweiten Reflektor-Hälfte. Butler verengt das Sichtfeld und singt über die Auflösungserscheinungen einer Beziehung, von Song zu Song geht es hin und her zwischen den Schlüsselsätzen »It’s over too soon« und »It’s never over«. Seine Sprache ist dabei weiterhin vage, die Leerstellen aber scheinen nicht mehr willkürlich gesetzt, und berührend wird es auch, wenn Butler die Sache mit einfachen Worten zu Ende bringt. Was er im gleichnamigen Stück als »awful sound« erkennt, ist die Stille nach dem letzten Sturm. Sie bleibt das einzige Geräusch, für das Arcade Fire auf Reflektor keinen Platz haben.