Review: … And You Will Know Us By The Trail Of Dead Worlds Apart

Als der junge Mann das Flugzeug betritt, um – ganz Klischee – aus seiner Welt in eine andere zu entfliehen, krächzt aus den Lautsprechern der Chor der Flugbegleiter.

    (Phase 1 »Overture«) Unglaublich theatralisches Zeug, welches Kapitän Keely damit rechtfertigt, dass die Akkorde und der Rhythmus direkt von Don Giovanni entliehen sind. Ein Hoch, Kultur! Scheinbar endlos lange rollt die Maschine so auf ihre Startposition, als zwei Frauenstimmen von vorne »And you will know us« und von hinten »by the trail of dead« flüstern.

    (Phase 2 »Will You Smile Again For Me«) Die Maschine prescht urplötzlich nach vorne, Köpfe schleudern gegen die Sitze, links und rechts wackeln die Tragflächen, alles vibriert. Es ist zwei Jahre her, seit du dieses Gefühl das letzte Mal gehabt hast. Dann: Stille. Sanfte Schwerelosigkeit. Schmieren wir ab? Nein, die Maschinen arbeiten weiter, in stoischem Gleichschritt nimmt die Triebwerksleistung langsam wieder zu, kehrt der Schub zurück. Durchatmen. Die Kinder unter den Passagieren jubeln, der Kapitän ruft ihnen ein bestimmtes »Fuck you, man« zu.

    (Phase 3 »Worlds Apart«) Mit dem nötigen Restadrenalin sieht das Verlassen der dir bekannten Welt von oben aus wie immer. Dennoch euphorisiert tauchst du, über Sinn und Unsinn nachdenkend, durch die grauen Wolken, bis Sonnenstrahlen deine Wangen kitzeln. Alles ist golden. Gibt es hier oben noch Vögel? Die Arche Noah muss ein mit Kitsch gefüllter Led Zeppelin sein.

    (Phase 4 »Summer 91«) Du streifst dir Kopfhörer über. Im Bordkanal: ein Klavier. Du drückst die automatische Suche. Powerballaden der Siebziger? Queen? Schamlos, hymnisch, aber geil.

    (Phase 5 »How The Best Will Fall«) Hinein in ein Hoffnungs-Luftloch, alles erzittert, du wirst bewusstlos. Deine Sinne gleiten wie Schallwellen durch die Bordanlage. Du bist versucht, »scheißdramatischer Bombastmist« zu flüstern, aber du kannst nicht. Deine Kehle wird von den sich erhebenden Mitfliegern im Kabinengang zugeschnürt.

    (Phase 6 »Caterwaul«) Wild zuckend eiern Menschen gegen die Eins deines eigenen Herzschlags wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen durch die Reihen, schreien an gegen die Wall Of Sound. Trotz Chaos folgen sie kontrolliert der Choreografie von laut und leise – einer sieht aus wie ein als Elton John verkleideter Punk.

    (Phase 7 »Classic Art Showcase«) Der Redneck nebenan stellt sich dir als Musicalproduzent vor und grinst diabolisch: Du weißt, dass er lügt, aber schreist ihm ein geheucheltes »Here I am, comfortable« entgegen. Flucht nach vorne.

    (Phase 8 »Let It Die«) Du bist ausgelaugt. Copilot Mussorgsky bittet darum, das Kiffen einzustellen – und vergisst, die Funkanlage auszuschalten. Wir hören Überbleibsel von Radiozirpen aus dem Reich der dramatischen Wahrheit.

    (Phase 9 »Russia My Homeland«) Kapitän Keely bitte Hilary Hahn aus der Business- in die Touristenklasse herab. Als erzieherische Maßnahme spielt sie ihre Geige. Trommeln tanzen.

    (Phase 10 »All White«) Dann zieht der Punk Sandalen an, tauscht Trommel gegen Pauke und schmiert »Jesus Christ Superstar« an die Tür zum Cockpit. Er trägt einen falschen Bart.

    (Phase 11 »The Best«) Keine Zeit, um nachzudenken, alles brummt. Tageszeitungen tanzen durch die Luft, die Triebwerke schweigen. Nur gelegentliches Geräuschhusten stört die beängstigende Stille der Bilder wie in Zeitlupe. Du fällst ein Fallen, das ein Sinken ist – und sich anfühlt, als würde der Maestro dir alle zwei Sekunden eine rauben. Der folgende Aufschlag: bombastisch. Der Moment vor der Landung: ein Wehklagen.

    (Phase 12 »City Of Refuge«) Dann öffnest du die Augen. Kein Flugzeug mehr, nur zu Schaukelstühlen geronnene Endorphine. Weiße, watteweiche Ruhestätten. Ein letztes Aufschäumen der Gefühle. Für eine gefühlte halbe Ewigkeit ist’s still … von weit hinten piekst dich eine Geige. Viele Geigen in den Händen einer sich im Moment des Hinschauens auflösenden Menschenmenge. Nur Chorstimmen bleiben. Sie erinnern an etwas – du lächelst ein sanftes Verschwinden zurück. Es bleibt eine Notiz: »Bei aller Ehrfurcht vor dem Reisen, auf diesem Flug hätten sie zu keiner Zeit angeschnallt bleiben müssen. Ach ja, und sie können den Mund wieder schließen.«

    (Phase Repeat) Diese Flucht hatte kein Ziel, das eigentliche Abenteuer war der Weg, das ganze grandios überbordende Dazwischen.
Uwe Lloyd Webber

LABEL: Interscope

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 24.01.2005

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