Review: … And You Will Know Us By The Trail Of Dead The Century of Self

Es ist ein Jammer. Dieser schreckliche kommerzielle Druck! Laut Presseinformation haben sich Trail of Dead von ihrer früheren Plattenfirma Interscope emanzipiert; es ist gar die pathetische Rede davon, die theoriefreudigen Texaner seien nun wieder freie Menschen. Wer sie zuvor in das kreative Korsett gezwungen hat – man weiß es nicht, ahnt es aber. Jedenfalls meint Sänger Conrad Keely zu den Entstehungsbedingungen der neuen Platte: »Endlich haben wir wieder die künstlerische Freiheit, die wir wollen, ohne den Druck, Radiosongs kreieren zu müssen […]. Und es gibt auf der gesamten Scheibe nicht einen Moment, in dem wir versucht haben, Songs zu schreiben, die man im kommerziellen Radio hören könnte. Wir wissen, dass Singles den Markt beleben, aber uns ist das egal.« Uns ja eigentlich auch, aber wegen des sporadischen Pop-Appeals (Radiotauglichkeit kann wirklich niemand unterstellen) des vorangegangenen Albums »So Divided« musste man sich doch auch nicht gleich pikiert abwenden. Nun denn: Kommerzielles Radio ist böse, ausufernder, bombastischer Prog-Rock ist gut.

    Schließlich gibt es davon auf »The Century of Self« nach einem feierlichen Instrumental-Intro reichlich zu hören: weihevolles, nie enden wollendes Gitarrengebratze, aufgeregt marschierende Drums, ein paar zarte Keyboardtupfer sowie Gesang und Geschrei bis zur Ekstase, die mal euphorisch, mal schmerzlich ausgelebt wird. Sogar erhabene Chöre sind vertreten, um die ganze ohnehin vorhandene Pracht noch zu verstärken. So packt das Sextett, das bei Konzerten so gerne und zwanghaft seine teuren Instrumente zertrümmert, jetzt genügend Stoff für drei Songs in einen. Das führt oft zu überladen wirkenden Arrangements, in gelungenen Momenten – wie in dem energischen, sechsminütigen »Halcyon Days« – klingt es aber auch faszinierend vielschichtig. »Far Pavilions« wiederum strotzt nur so vor Kraft und Einfallsreichtum, während sich »Isis Unveiled« breitschultrig nach vorne drängelt und einiges von dem in den Schatten stellt, was später noch folgen soll.

    Denn leider sind die verkopften und enervierend verschachtelten Stücke in der Überzahl, weswegen »The Century of Self« nicht an eine frühe Großtat wie »Source Tags & Codes« heranreicht, sondern vielmehr, wie der Titel es unfreiwillig nahelegt, um sich selbst kreist, ja, dauernd zu zeigen gewillt ist, was so alles geht, wenn man sich nur ganz doll anstrengt. Dass diese Schufterei, das unbedingte Kunstwollen, permanent zu erkennen ist, macht das Album, das live mitsamt einem visuellen Kunstelement präsentiert werden soll, zu einem zwiespältigen Genuss. Spätestens ab der zweiten Hälfte laufen die verqueren und prätentiösen Kompositionen allzu einfältig ins Leere. Die zurückgewonnene Freiheit hat also nicht zu einem Kreativitätsschub geführt; eher treten Trail of Dead auf der Stelle und verheben sich an den eigenen Ansprüchen – der Druck, den man auf sich selbst ausübt, ist der allerschlimmste.

LABEL: Superball Music

VERTRIEB: SPV

VÖ: 20.02.2009

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