Review & Stream: Agnes Obel Aventine

AGNES OBEL
AVENTINE
PIAS / ROUGH TRADE – 27.09.2013

Auf ihrem neuen Album Aventine erklärt Agnes Obel das Wort für tot. Dass sie das allerdings nur sehr inkonsequent tut, hält diese Rezension für einen Glücksfall. Dazu gibt es die LP vorab im Stream.

Geier kreisen über dem Aventin. Der südlichste der sieben Hügel Roms, auf dem der Legende nach Remus nach dem Brudermord begraben wurde, war stets ein unheilvoller Ort. Auf dem Palatin wohnten die Gewinner, auf dem Aventin die Verlierer. Interessant also, dass die dänische Songschreiberin und Pianistin Agnes Obel genau diesen mystischen Fleck als Titel ihres zweiten Albums gewählt hat. Aventine, der Nachfolger des überaus erfolgreichen Debüts Philharmonics, spart nicht an historischen Querverweisen, nicht nur in der Titelgebung.

Aventine mutet dunkler, uneindeutiger und tatsächlich unheilvoller an als sein Vorgänger. Die 32-jährige Wahlberlinerin bleibt – Gott sei Dank – der spärlichen Instrumentierung, dem Minimalistischen, sozusagen dem clean chic treu, entfernt sich jedoch in immer mehr Momenten von der Kinderliedästhetik, die auf Philharmonics noch allgegenwärtig war. Hätte sich Erik Satie in Sandy Denny verliebt, Agnes Obel wäre ihr Kind gewesen.

Es scheint, als schwebe die Sängerin über ihren Klangteppichkonstrukten – mit einem Fuß in den Wolken und dem anderen im Grabe. Unterstreichend zur entrückten Schönheit kommt dazu, dass Obels Stimme zwar sehr präsent ist, die Worte jedoch seltsam undeutlich artikuliert werden. In »Pass Them By« könnte sich die Interpretin mutmaßlich in einer Schlacht im alten Griechenland befinden, in »Dorian« das Wilde’sche Bildnis besingen – aber sicher kann man sich dabei nie sein, da die Phrasen derart verschluckt und verschleiert werden, dass eine Wortinterpretation zur Detektivarbeit wird.

»Words Are Dead«, singt Obel dann plötzlich auffallend deutlich. Und wirklich: Die Worte sind lediglich Beiwerk zur Melodie und zur Atmosphäre, eine von vielen Komponenten. Man wird den Eindruck nicht los, dass Texte schreiben für die Dänin lästige Hausaufgabenarbeit ist.

Nein, Obel ist keine Lyrikerin, und wenn Worte tot sind, wäre dann nicht folgerichtig ganz auf sie zu verzichten und sich nur noch auf Instrumentalstücke wie »Tokka« und »Chord Left« zu konzentrieren? Nun, der Widerspruch sei Agnes Obel vergeben, schließlich würde Konsequenz in diesem Fall bedeuten, in Zukunft auf eine der einfühlsamsten Stimmen der Gegenwart verzichten zu müssen.