Review: Actress Ghettoville

Actress Ghettoville
ACTRESS

GHETTOVILLE
WERKDISCS / NINJA TUNE / ROUGH TRADE – 24.01.2014
ALBUM

Am Freitag erscheint Ghettoville, das aktuelle »Album der Ausgabe« in SPEX und Actress' nächste Großtat. Der Produzent kappt hier auch die letzten Bezüge und bittet zum Tanz in den Trümmern. Die Rezension:

Es ist ein bisschen wie Puppentheater, nur ohne Puppe und ohne Text. Einzige Kasperlefigur in diesem Schauspiel ist eine Hand, die ab und zu auf der Bühne auftaucht, kurz durch eine Kulisse aus Dreh- und Schiebereglern spaziert und schnell wieder unter dem Tisch verschwindet. Dort hält sich auch der Akteur verschanzt, der einen offensichtlich eher sparsamen Ansatz der Schauspielkunst vertritt und sich die Zeit zwischen zwei Handauftritten vermutlich mit Däumchendrehen vertreibt. Geradezu verschwenderisch wird allerdings das ohrenbetäubende Rauschen und Dröhnen aus den Bühnenlautsprechern eingesetzt, das kurzerhand die Hauptrolle übernimmt. Der Titel des Theaterstücks: Actress live.

Darren J. Cunningham – in Wolverhampton in den 1980ern aufgewachsen, drauf und dran, Profifußballer zu werden, bis ihn eine Verletzung stoppte, heute in London zu Hause und bekannt als einer der kauzigsten und ungewöhnlichsten Produzenten zurzeit – inszeniert seine Auftritte als Nicht-Performance. So wie es auf seinen Platten eben auch Nicht-Tanzmusik zu hören gibt. Ghettoville, Cunninghams viertes Album unter dem Pseudonym Actress, scheint wie seine Shows nach durchaus ökonomischen Grundsätzen gestaltet zu sein. Es geht los mit dem billigsten Piano-Preset, das auf die Schnelle zu finden war, runtergebremst auf Schneckentempo, zu einem schlabbrigen Loop verknotet, der über sieben Minuten lang dahineiert. Die Gleich-geht-es-los-Spannung ist von Anfang an hoch, sie wird gehalten – und nie eingelöst. Dancefloor-konditionierte Ohren werden genüsslich getriezt. Die Stimmung tendiert Richtung Twin Peaks auf Hustensaft. Auf Dauer wirkt alles zunehmend wie Wahrnehmungsapparat im Eimer. Also wie eine absolut berauschende Erfahrung.

Vorbote dieses Albums war eine vermächtnishafte Botschaft, die von »conclusion« sprach – ein Fall von angekündigtem Projektsuizid, gezeichnet: »R.I.P Music 2014, Actress.« R.I.P war der Titel des vorangegangenen Albums, Interviews dazu gab Cunningham unter anderem in Londons St Paul’s Cathedral. Gottvertrauen sei ihm wichtig, hieß es, gutes Gras nicht weniger. Und nicht zuletzt auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten als Medium, möchte man hinzufügen. Für Actress ist der Künstler ein Katalysator. »Four albums in and the notes and compositions no longer contain decipherable language«, steht in der Ghettoville-Verkündigung zu lesen, als würde sich das (un?)verantwortliche Künstlersubjekt neutral von außen beobachten und selbst darüber wundern, dass das, was da aus ihm herauskommt, sich zu keinem Sinnzusammenhang mehr fügen mag. Sensorium kaputt. Maßstäbe verrutscht. Bin ich krank, oder ist es die Gesellschaft, die mich irre gemacht hat?

Und in der Tat, man will Actress gerne recht geben und fragen: Wovon handelt all das Geschabe hier? Worum geht es überhaupt? Die Track-Titel scheinen von einer urbanen Legende erzählen zu wollen. »Street Corp« – »Corner« – »Towers« – »Skyline«. Aber die Erinnerung ist durcheinandergeraten. Immer wieder meint man, Bekanntem zu begegnen, doch es ist so dunkel, man erkennt nichts, das Zeitgefühl so zäh, man verirrt sich, in den Ohren dröhnt es.

Der Titel knüpft an das Debütalbum von Actress aus dem Jahr 2008 an, Hazyville. Dort war die Track-Architektur noch klarer gekoppelt an etablierte Formen und Größenverhältnisse der House-Musik, die – bereits damals auf einzigartige Weise – aus ungewohnten Perspektiven betrachtet und dabei kräftig gestaucht oder gedehnt wurden. Hazyville wird parallel zu Ghettoville wiederveröffentlicht, erscheint (in einer Fünffach-Box mit beiden Alben) erstmals auch auf Vinyl. Im Vergleich wird klar: Der haze hat sich verzogen. Die Stadt liegt in Trümmern. Die Verbindungen sind gekappt. Da hän- gen noch Kabel von den geknickten Masten, sie sprühen Funken, schlagen unbestimmt in vermutlich falsche Richtungen aus. Die Brocken unter den eigenen Füßen geben nach, man rutscht ab, stolpert. Ghettoville klingt wie Schuttbergtanzmusik.

Die Platte bietet kaum Halt oder Orientierung. Einer der wenigen verständlichen Stimmschnipsel – »time, time, time, time« – tickt kratzig dahin wie ein alter Kraftwerk-Vocoder und erinnert erst recht daran, dass Zeit hier nach anderen Maßstäben funktioniert. Alles wirkt, als hätte es jemand darauf angelegt, jede Brücke hinter sich abzureißen. Gibt es denn gar kein Bezugssystem mehr? Nichts zu sehen am Horizont?

Eines der 16 Stücke auf Ghettoville trägt den Titel »Rap«. Mit einem einmal mehr massiv entschleunigten R’n’B-Sample ruft es in Erinnerung, dass es irgendwann auch Melodien gab oder eine Tradition des Sprechgesangs. Ganz am Schluss noch mal ein HipHop-Sample – und wummert dazu, in Zeitlupe, nicht die Orgel aus Crystal Waters’ »Gypsy Woman«? Dass Ghettoville auf dieser quasi kasperlehaften Note ausklingt, verleiht Actress’ Nicht-Geschichte einen humorvollen, tröstlichen Twist. Und macht dieses faszinierende Schauspiel komplett.

Actress
31.01. Berlin – Berghain / Panoramabar CTM 2014 mit Concrete Fence, Metasplice, Dasha Rush, Helena Hauff, Oake, Marcel Dettmann


Actress »Grey over Blue«