Review: A Touch of Sin

A Touch of Sin
Jiang Wu als Dahai in A Touch of Sin

Mit A Touch of Sin entdeckt Regisseur Jia Zhangke die Wut. Der Trailer und die Rezension zu seiner morgen startenden Film-Vermessung des modernen Chinas.

Hat der Tiger eben nicht kurz gebrüllt? Oder war das eine Sinnestäuschung? Immerhin sieht er lebensecht aus, ist allerdings nur auf die Decke gedruckt, in die der ruppige Dahai (Jiang Wu) sein Schrotgewehr wickelt, bevor er sich aufmacht zu seinem blutigen Rachefeldzug. Er will all jene zur Rechenschaft ziehen, die sich auf Kosten der Grubenarbeiter bereichert haben: die korrupten Bürokraten, den Bürgermeister und den jungen Kapitalisten, der sich mit seinem Privatjet, der schmucken Ehefrau und dem Maserati wie ein Filmstar im Dorf willkommen heißen lässt. Am Ende hat Dahai ganze Arbeit geleistet – selbst der Pferdeschinder, der ihm am Wegrand ins Auge fällt, entgeht seinem Zorn nicht. Ein befriedigtes Lächeln zeigt sich in seinem Gesicht.

So beschließt Jia Zhangke die erste der vier Episoden, deren Handlung in seinem Film A Touch Of Sin lose verbunden ist, die thematisch jedoch eng verknüpft sind. Sie spielen in vier verschiedenen Provinzen, vermessen China von Norden nach Süden und beruhen auf wahren Begebenheiten. Jede der Episoden kulminiert in einem Akt der Gewalt; ihr jeweiliger Endreim ist der Blick auf ein gefangen gehaltenes Tier. Dient diese Metaphorik dem Regisseur als Beleg für die bestialische Natur des Menschen?

Eher schon zeigt er den Widerspruch zwischen Unterdrückung und Würde auf. Während er in seinen früheren Filmen von Anpassungsdruck und Illusionsverlust im rasant sich wandelnden China der Gegenwart erzählte, hat er nun die Wut entdeckt. Schon vorher brach bei ihm die Realität auf, rebellierte die Fantasie gegen die Verhältnisse – man denke nur an das UFO, das in Still Life über den Schluchten des Yangtse schwebt, die vom Staudamm überflutet werden. Das Brüllen des Tigers war keine Täuschung. Es ist der Auftakt zu den Entladungen der Gewalt, die für Jia Zhangkes vier Hauptfiguren zu Gesten verzweifelter Selbstbestimmung werden.

Bei seiner Premiere in Cannes hat der Film nicht wenige Zuschauer irritiert. Bislang kannte man den Regisseur als präzisen Milieuschilderer, dessen nüchterne Zeugenschaft die chinesische Zensur regelmäßig herausfordert. Sollte er nun zum Genrekino, gar zum Mainstream gewechselt sein? Der internationale Titel verweist immerhin auf A Touch Of Zen, King Hus Meisterwerk des Kampfkunstkinos. Die überraschende Wehrhaftigkeit seiner Protagonisten zelebriert Jia tatsächlich so, als wolle er sich in dieser filmischen Disziplin bewähren.

Aber die Brutalität ihrer Handlungen erfüllt ihn nicht mit Lust, sondern Schrecken. Der chinesische Originaltitel ist aufschlussreicher: Übersetzt bedeutet er unglückselig, verhängnisvoll.

A TOUCH OF SIN
CHINA, JAPAN 2013
REGIE: JIA ZHANGKE
MIT JIANG WU, WANG BAOQUIANG, ZHAO TAO, LUO LANSHAN, VIVIEN LI U.A.
START: 16.01.2014


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