Flying Lotus You’re Dead!

Next level shit: Flying Lotus bekennt sich auf seinem neuen Album, You’re Dead!, endgültig zu seinem Jazz-Erbe und überführt dieses in die Welt des HipHop und der Video Games.

Ene, mene, muh, und tot bist du! Wer wird da wohl adressiert mit diesem nekrophilen Abzählreim? Frank Zappa weiß es. Dessen Stimme hallt zwischen rasant durcheinander purzelnden Klangbausteinen nach. »Du bist noch nicht komplett am Ende, du riechst nur etwas fischig«, brummte er einst. Gemeint war der Jazz. Flying Lotus tritt mit seinem fünften Album nun als Zappa-Steigerungsform an. Wenn man beobachtet, mit welcher Verve der einstige G-Funk-Jünger die Signale immer noch weiter auf J-Funk stellt, meint man, ihn rufen zu hören: Jetzt bist du tot – endlich kannst du wiederauferstehen!

Als Feiertagsmusik zur Neugeburt erklingt: Weltalldröhnen, dann Schlagzeugscheppern, Saxofonheulen, Dudelgitarrenvollalarm. You’re Dead! legt los mit einem an John Zorns Bandprojekt Naked City erinnernden Jazzverständnis, das wiederum in postmoderner Zerpflück- und Zitatschleuder- und Zusammenkloppabsicht Jazz als Speed-Metal-Challenge verstehen wollte, als so strenge wie durchgeknallte Versuchsanordnung in Sachen Präzision, Körperbeherrschung und Irrsinn. Nur duftet das bei Flying Lotus nicht nach New Yorker Kelleravantgarde, sondern nach den sonnenverseuchten Stadtpanoramen von Los Santos aus GTA V und überhitzter Playstation 3.

Man ist versucht zu fragen: Wie humorig sind solche Stellen gemeint? Wie tongue-in-cheek wird hier auf alten Jazzriemen herumgekaut? Die Antwort steht schnell fest – kein bisschen, wie FlyLos Teenie-Idol Snoop Dogg als einer der Gaststars später bestätigt: »No jokes, no hoax.« Flying Lotus wirft sich zwar wie sein eigener Avatar in diese selbst programmierte, durchgeknallte Hyperjazzwelt, aber er macht das mit dem heiligen Ernst von einem, der eine Mission zu erfüllen hat: das nächste Level knacken. So schließt an den Cut-up-Puzzle-Jazz der hyperaktiven Sorte, mit dem You’re Dead! einsetzt, immer noch mehr hyperaktives (und teilweise etwas klischeehaftes) Gedudel und Gekraftmeiere an – ein Gastauftritt von Herbie Hancock wird irgendwo zwischen den 136 Klangspuren versenkt –, bis nach fünf Minuten – der Track-Zähler zeigt da ebenfalls schon eine Fünf an – ausgerechnet der quasi körperlos gefilterte Highspeed-Flow von Kendrick Lamar eine erste Ruhemarke setzt: »You will never ever catch me, no, no, oh.«

Muckertum, Sampling-Virtuosität, Schwindelanfälle auslösende Gniedelexzesse, alles durcheinandergewirbelt und dicht wie in einer Bong rotierender Rauch – das ist nichts, was man von Flying Lotus noch nicht gehört hätte. Seit dem Album Cosmogramma stehen die Zeichen auf Gesamtkunstanspruch und Verfeinerung. Zumindest, was die Covergestaltung betrifft, macht ihm in Sachen esoterisch verquaster Geschmacksverirrung keines der aufgerufenen Vorbilder mehr etwas vor. Die ständigen Verweise auf Großtante Alice Coltrane sollen nicht etwa vom Tisch gefegt werden, ganz im Gegenteil. You’re Dead! steht endgültig für das Bewusstsein, Teil großer ewiger Zyklen zu sein. Genuin subjektiver Ausdruckswille tritt zurück zugunsten der Haltung, sich eindeutig in einer Kontinuität zu verorten, ein Erbe anzunehmen und selbstbewusst zu verwalten. So geht es Flying Lotus im Jahr 2014 um reflektierten und naturgemäß auch wenig aufmüpfigen Umgang mit der eigenen Historie: Playstation, Rap, Jazz, Spiritualität. Afrofuturistische Bestandswahrung.

 

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