Retrospektive / Perspektive #3: die Preispolitik beim Filmfestival in Cannes

Foto: Filmstill / Carol

Die Preisverleihung 2015 sorgte nochmals für einige Aufregung an der Croisette. Die Entscheidung der Jury für Dheepan von Jacques Audiard dürfte vor allem eine politische gewesen sein. In künstlerischer Hinsicht hätten andere Filme die Goldene Palme eher verdient.

Als Dheepan gegen Ende der zweiten Festivalwoche dem Publikum vorgestellt wurde, fand der Film keine sonderlich große Beachtung. Viele Festivalbesucher sahen ihn schon gar nicht mehr, einige waren bei der Premiere bereits abgereist. Schließlich standen die Favoriten im Rennen um die Goldene Palme mit Carol, The Lobster und Son Of Saul bereits fest.

Umso größer war am Sonntagabend das Erstaunen, als die Jury den Gewinner bekanntgab. Die überraschende Wahl für Dheepan setzt eine Entwicklung fort, die auch auf der diesjährigen Berlinale zu beobachten war: Die Entscheidung der Jury bei Filmfestivals basiert nicht allein auf ästhetischen Kriterien, sondern auch auf politischen.

In Dheepan erzählt der französische Filmemacher Jacques Audiard die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie aus Sri Lanka, die in Wahrheit keine ist, sich aber als Vater, Mutter und Tochter ausgeben muss, weil das die gefälschten Pässe vorgeben. In der französischen Banlieue erkämpfen sich drei einander fremde Menschen ein neues Leben. Dabei sind sie in Europa alles andere als willkommen.

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Foto: Filmstill / Dheepan

Die der Jury vorstehenden Brüder Joel und Ethan Coen setzen mit ihrer Wahl ein Zeichen: Dheepan misst dem Phänomen Migration die Bedeutung bei, die es im Europa des 21. Jahrhunderts längst hat, auch wenn viele es noch nicht wahrhaben wollen. Migration ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen, die Debatte, ob wir eine Einwanderungsgesellschaft sind oder nicht, längst obsolet. Dass Filme dieser neuen Realität Ausdruck verleihen und damit bewusstseinsbildend wirken, ist begrüßenswert. Die mise en œuvre von Dheepan hat in Cannes allerdings keine große Beachtung gefunden.

Das sah bei Saul Fia (Son Of Saul) ganz anders aus. Der ungarische Regisseur László Nemes wagt sich auf allerdünnstes Eis vor, indem er sich an die Darstellbarkeit des Undarstellbaren macht. Adorno hatte die Ansicht vertreten, dass es nach 1945 eigentlich keine Kunst mehr geben dürfe. Viele Kritiker legten Adornos Ausspruch primär auf die Repräsentation des Grauens selbst aus.

Bis heute gilt bei der künstlerischen Repräsentation des Holocaust eine Art ungeschriebenes Gesetz: keine Bilder aus den Gaskammern. Claude Lanzmann hat diese Leerstelle meisterhaft ausgefüllt: In Shoah ersetzte er die fehlenden Bilder durch Interviews mit Überlebenden. Deren Worte waren gewaltig genug, um in den Köpfen der Zuschauer eine Vorstellung des Grauens entstehen zu lassen.

Son Of Saul bricht mit allen Tabus. Regisseur Nemes wagt sich vor in den Maschinenraum der Hölle. Der Film erhebt keinen allumfassenden Anspruch, er erzählt einzig und allein die Geschichte von Saul, einem ungarischen Juden, der als Teil eines Sonderkommandos den Nazis beim Massenmord assistieren muss. Die von der Kamera eingefangene Perspektive beschränkt sich auf Sauls Wahrnehmung, gefilmt wurde in einem fast quadratischen 4:3-Format. Die Bilder sind verwackelt und in der Weite unscharf, nur das Geschehen unmittelbar um Saul herum ist erkennbar.

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Foto: Filstill / Son Of Saul

Die Tonspur, für die Tamás Zányi in Cannes den Vulcain-Preis verliehen bekam, erledigt den Rest: Das nicht enden wollende Gebrüll der SS-Schergen, die immer schwächer werdenden Schreie der elendig krepierenden Menschen, das Kratzen der Nagelbürsten, mit denen die Mitglieder des Sonderkommandos anschließend die Wände der Gaskammern säubern – all das ist vielleicht noch unerträglicher als die Bilder selbst.

Nemes’ Überwindung des gordischen Knotens ist schlicht brillant. Dafür hätte er zweifelsohne die Goldene Palme verdient. Immerhin wurde Son Of Saul mit dem Grand Prix ausgezeichnet, so etwas wie der Silbermedaille in Cannes.

Yorgos Lanthimos’ Film The Lobster bekam den Preis der Jury, den er definitiv verdient hat. Auch Todd Haynes’ Film Carol, direkt nach Son Of Saul der Liebling der Kritik, wurde prämiert: Rooney Mara wurde (ex aequo mit Emmanuelle Bercot in Mon Roi von Maïwenn Besco) als beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Carol hätte aber noch viel mehr gekonnt – hätte er gedurft. Ein Film kann in Cannes immer nur in einer Kategorie prämiert werden. Ein weiteres Beispiel für Cannes’ Rekord an unsinnigen Vorschriften (siehe auch: #Flatgate).

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Foto: Filmstill / Lobster

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