Reif fürs Museum? 100 Jahre produzierte Musik im Haus der Kulturen der Welt

Hieroglyphic Being, Foto: Celeste Sloman

Die Organisatorinnen von POP16 führen zum selbstgewählten Jubiläum produzierter Musik zurück zu Produktionstechnologien und -orten, Musikstilen und -aufführungspraxen der Schellackzeit. Dabei geht es aber nicht um Musealisierung, sondern um Neuinterpretation und die Auswirkungen auf die heutige Musikwelt.

Ab welchem Zeitpunkt in der Musikgeschichte kann man vom Aufkommen produzierter Musik sprechen? Ab der Erfindung des ersten Geräts zur Schallaufnahme und -wiedergabe, des Phonographen, durch Edison 1877? Ab dem Durchbruch industrieller Massenfertigung von Schallplatten, der sich zumindest in Europa markieren lässt durch die Gründung der britischen Gramophone Company und ihrer Tochtergesellschaft, der Deutschen Grammophon-Gesellschaft, um die Jahrhundertwende? Oder erst ab der Inbetriebnahme der ersten kommerziellen Radiostation in den USA 1920? Vielleicht aber erst ab den Fünfziger- oder Sechzigerjahren, als Popmusik ein Massenphänomen wurde?

Die Organisatorinnen von POP16 – 100 Jahre produzierte Musik um Kurator Detlef Diederichsen haben sich dafür entschieden, im Jahr 2016 den 100. Geburtstag der Musikproduktion zu begehen. Wahrscheinlich lag es aber einfach nur nah, das Programm im aktuellen Vierjahresprojekt 100 Jahre Gegenwart des Haus der Kulturen der Welt unterzubringen.

hkw_pop16_ebo_taylor_u_konkoma_c_wim_heutnikEbo Taylor, Foto: Wim Heutnik

Neben Lectures zur Schellackplattenproduktion, Restauration alter Aufnahmen und strukturellem Rassismus im Pop sowie Berlin-Rundfahrten an weniger bekannte Orte der Popgeschichte wird es natürlich vor allem Musik geben – und die klingt ziemlich spannend: In exklusiven Auftragsproduktionen beschäftigen sich Musikerinnen mit frühen Werken produzierten Klangs.

So präsentiert Ebo Taylor den Konkoma-Sound aus dem Ghana der Zwanzigerjahre. Sam Lee wird zusammen mit Barbara Morgenstern und dem Chor der Kulturen der Welt britische Folksongs neu interpretieren. Miharu Koshi, ihres Zeichens japanische Elektro-Pop-Künstlerin mit klassischer Ausbildung aus dem Umfeld des Yellow Magic Orchestras, setzt sich live mit europäischem Cabaret der Zwanzigerjahre auseinander. Das von Noam Silberberg geleitete Mała Orkiestra Dancingowa präsentiert die Musik des sogenannten polnischen Stils, der sich in Warschau zwischen den Weltkriegen aus Cabaret, Swing, lateinamerikanischen Tänzen und jüdischen Musiktraditionen entwickelte. DJ und Produzent Hieroqlyphic Being möchte die Astronomie der westafrikanischen Dogon vertonen, welche in den Dreißigerjahren vor allem durch meterhohe Masken nachhaltigen Eindruck bei der europäischen Bevölkerung hinterließen. Aleksander Kolkowski benutzt live Phonograph, Grammophon und Strohgeige, nimmt auf, gibt wieder, sampelt und montiert Sounds.

Außerdem gibt es mit der Vorführung der Mini-Serie American Epic, die die Musikproduktion in mobilen Studios in den USA der Zwanziger dokumentiert, eine Deutschlandpremiere. Schellack-DJs gibt es natürlich auch noch. Und alle weiteren Infos zum Programm gibt es hier.

POP16 – 100 Jahre produzierte Musik
28.04. – 01.05. Berlin – Haus der Kulturen der Welt

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