Refused Freedom

Refused zitieren lediglich eine Band: Refused. Auf Freedom ist der vormalige Eklektizismus handlichen Slogans gewichen – zu selbstgerecht.

Refused, die Punk-Anpisser vom Dienst, diese edel und clean-cut aufgemachten schwedischen Kommunisten-Slickster mit den Allen-Ginsberg-Zitaten und Richard-Wagner-Anleihen, haben nach 17 Jahren im Rahmen ihrer zweiten Reunion innerhalb von drei Jahren ein neues Album aufgenommen. Es ist ausgezeichnet produziert, stilistisch abwechslungsreich und ziemlich belanglos. Freedom heißt es und zielt leider im Einzelnen wie im Gesamten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ab, wenn über die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union, post-kolonialistisches Gehabe und fanatischen Atheismus abgeätzt wird. Und nun? Stellen sich einige Fragen.

Erstens nämlich, ob das überhaupt noch jemanden interessieren sollte. »Down in the dirt / Nothing has changed«, kreischt Schrei- und Sprachrohr Dennis Lyxzén. Allerdings hat sich eine Menge geändert seit der Auflösung der Band im Jahr 1998, die internen und externen Legenden nach entweder den Bandzerwürfnissen während der Aufnahmen zu The Shape Of Punk To Come oder dem wachsenden kommerziellen Erfolg und den daraus resultierenden Missverständnissen in der allgemeinen Rezeption geschuldet waren.

Refused selbst haben sich ebenfalls verändert, zitieren mittlerweile nicht mehr Born Against, The Nation Of Ulysses (und damit in zweiter Instanz Ornette Coleman sowie in dritter H. G. Wells), Beat-Literatur und 68er-Ideologien, sondern versuchen sich auf dem Boden der Tatsachen zu positionieren. Eklektizismus ist auf Freedom handlichen Slogans gewichen. Fragen, wie sie am Anfang des ironischerweise zum Welthit mutierten Songs »New Noise« formuliert wurden (»Can I scream?«), werden mittlerweile als Ankündigung verpackt: »I’m just going to scream now«, kündigt Lyxzén auf »Old Friends / New War« an und tut das dann auch.

Unterliefen Refused schon mit einem Album wie Songs To Fan The Flames Of Discontent (1996) die Erwartungshaltungen der Punk-Community mit scharfer Kritik an deren Wirkungsmechanismen und Borniertheiten, taten sie das auf The Shape Of Punk To Come mit einer musikalischen Offenheit, die von Techno bis Jazz reichte. Chuzpe allein rettet Freedom aber nicht mehr, musikalische Offenheit wird nur angedeutet. Keiner der Songs hat die explosive Dichte der früheren Veröffentlichungen, keiner kann trotz all der Breaks, Synthieschnipsel oder Vokalversatzstückelei an das 17 Jahre zurückliegende Überalbum heranreichen. Im Grunde zitieren Refused auf Freedom lediglich eine Band: Refused.

Natürlich ändert das nichts daran, dass ihre Kritik valide und hochaktuell ist. Gerade die Auseinandersetzung mit der Festung Europa als exklusives, menschenunwürdiges System könnte kaum treffender ausfallen als in diesen Zeiten. Doch kommt diese Kritik nicht in genau dem selbstgerechten Modus daher, den die einstigen Punk-Anpisser vom Dienst schon früh als redundant verworfen hatten? Erreicht das überhaupt jemanden außerhalb des alten Fanzirkels? Abgesehen davon bleibt vor allem die Frage, was Freedom nun wirklich beweist. Die Antwort darauf haben Refused schon vor langer Zeit selbst gegeben.

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