Redaktionscharts 2010: Songs

Die wichtigsten Songs des Jahres 2010 aus Sicht der Spex-Redaktion, kompiliert und kommentiert von Daniel Fersch, Lutz Happel, Jan Kedves, Kristina Schilke, Anne Waak und Wibke Wetzker. Anhören kann man diese besten 30 Stücke über den Player des Webradio-Senders ByteFM: Die Redaktionscharts könnt ihr an dieser Stelle im Stream anhören.


Die Spex Jahrescharts 2010 – Der Countdown unserer Top 30 im ByteFM Player: ABSPIELEN

01. LADY GAGA FEAT. BEYONCÉ »Telephone« (Interscope / Universal)
Das Traumpaar des Großformat-Pop brachte mit Bumsbass, Harfengeklimper und Eurodance-Synthies einen erneuten Kommentar zur Lage der Mobilkommunikation – und ein Wahnsinnsvideo. »Stop telephoning me-e-e-e-e-e«.

2. ARIEL PINK‘S HAUNTED GRAFFITI »Round and Round« (4AD / Beggars Group / Indigo)
Groove, Gefüüüühl und die Wärme eines Background-Chors: Diesem sentimentalen Stück Herzschmerz-Disco kann sich keine Geschmackspolizei erwehren, und auch wir lassen davon gerne sofort unser Herz erweichen.

3. BIG BOI FEAT. JANELLE MONÁE »Tightrope« (Atlantic / Warner)
Der Song als Blaupause für Monáes famosen Retro-Futurismus: Früher James-Brown-Funk kollidiert mit zeitgenössischem Südstaaten-Hiphop-Bounce, dass die Funken nur so sprühen – ein mehr als gelungener Balanceakt.

4. MICHAEL JACKSON »Billie Jean (Nicolas Jaar Rework)« (Wolf + Lamb)
Der 20-jährige Jaar lässt den verstorbenen Kinderfreund Michael Jackson verlangsamt, um eine halbe Oktave tiefer und kühl aus dem Jenseits singen: »The kid is not my son«.

5. DEERHUNTER »Helicopter« (4AD / Beggars / Indigo)
Eine Waberhymne, transparent wie ein Sommerkleid des crossdressenden Bradford Cox. Deerhunter sind auf der Höhe ihres ganz persönlichen Gitarrensong-Revivals.

6. BONAPARTE »My Horse Likes You« (Staatsakt / RTD)
Tobias Jundt setzt mit seinem in der Bar 25 und anderen Aussteigermilieus gecasteten Bonaparte-Kollektiv zum Parforceritt an. Ob es hier um animalischen Sex oder die moderne Industriegesellschaft geht, kann sich jeder aussuchen.

7. CARIBOU »Odessa (Junior Boys Remix)« (City Slang / Universal)
Durch die Filterbank der Junior Boys gejagt, bekommt die ohnehin schon physisch veranlagte Caribou-Single einen Dancefloor-Drive, der sie mit Kraftwerk koppelt.

8. AZARI & III »Reckless with Your Love« (Permanent Vacation / Groove Attack)
Wenn ›klassischer‹ House zurückkommt, dann nur mit dem House-Act. Ob Azari & III die neuen Ten City oder die neuen Inner City sind, kann man am besten tanzend entscheiden.

9. THE DRUMS »Best Friend« (Coop / Universal)
Poppig und beinahe unerträglich hip klingen hier die tragischen Zeilen: »You‘re my best friend, but then you died, when I was 23 and you were 25«. Wenn jemand stirbt, dann sei traurig – und schreib einen Tanzsong darüber!

10. HOT CHIP »I Feel Bonnie (Bonnie ›Prince‹ Billy Clubmix)« (Parlophone / EMI)
Der Folk-Zausel Will Oldham rettet die Posterboys des Elektropop mit seinen neu entdeckten Remix-Künsten aus der Routine, erhält im Gegenzug Eintritt in den Tanzschuppen und schafft ganz nebenbei die Rehabilitierung des Kanons.

11. TOCOTRONIC »Mach es nicht selbst« (Vertigo Berlin / Universal)
Hornbach, OBI und Ikea wären nicht glücklich über die Botschaft des Songs, aber was schert das Tocotronic? Obwohl sie die Philosophie selbst nicht wirklich befolgen, denn sie machen selbst. Und zwar den mittlerweile x-ten Hit.

12. EFDEMIN »The Revenge of the Giant Cowbell« (Dial / Kompakt)
Phillip Sollmanns hörbar vom Jazz infizierter Seitenhieb auf den Pawlow’schen Reflexauslöser des Techno: die Kuhglocke. Mit furztrockenem und metallisch-kühlem Dengeln das kultivierteste Stück Tanzmusik des Jahres.

13. CHRISTIANE RÖSINGER »Ich muss immer an dich denken« (Staatsakt / RTD)
Die Gedanken sind nicht nur frei, sondern auch störrisch, ihr Eigenleben ergründet die Grande Dame des deutschen Pop in einem Lied wie ein Gedicht und in Begleitung des Ja, Panik-Sängers Andreas Spechtl.

14. ALOE BLACC »I Need a Dollar« (Vertigo / Universal)
Ein Stück Straßenmusik liefert den Soundtrack zur Rezession, deren Folgen in den USA noch schmerzhafter zu spüren sind. Dabei wandelt es im musikalischen Halbschatten der Siebziger – einer Zeit, in der Soul zutiefst politisch war.

15. DARWIN DEEZ »Radar Detector« (Lucky Number / RTD)
NY-Antifolk-Hipster Deez erweist sich als gewitzter Meister des Nutshell-Songwritings. Für Beziehungsangelegenheiten dienen ihm hinterhältige Metaphern: »You are a radar detector, I drive a thousand miles an hour«.

16. DIE ANTWOORD »Evil Boy« (Universal)
Die Liebe der Südafrikaner zu Penissen ist in diesem Song einfach so offensichtlich, übertrieben und unumstößlich, dass sie echt sein muss. Oder um es mit den Worten von Peaches, einem großen Fan zu sagen: »Shake your dicks!«

17. ARCADE FIRE »Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)« (City Slang / Universal)
Wer hätte gedacht, dass mithilfe des guten alten Synthie-Sounds solch ein Funkeln und Leuchten, solch ein Überschwang aus diesen Ureinwohnern des zivilisationskritischen Indie-Rocks zu kitzeln ist. Ergriffen tanzten alle dazu mit.

18. NICKI MINAJ »Your Love« (Universal)
Nicki Minaj wechselt innerhalb einer Strophe so schnell und virtuos die Identität und Stimmlage, wie sie in ihren Videos die Perücken austauscht. Sie ist die neue Superheldin des Rap und darf deshalb alles – sogar Annie Lennox sampeln.

19. JAMES BLAKE »CMYK« (R&S Records)
Mit »CMYK« lässt der talentierte Mr. Blake – der nicht nur Knöpfchen drehen, sondern auch betörend singen kann – sein Pop-Potenzial aufblitzen und verpasst dem Jungs-Genre Dubstep eine gehörige Portion Sexappeal.

20. M.I.A. »It Takes a Muscle« (XL / Beggars Group / Indigo)
Maya Arulpragasam mal ganz sanft – ohne Pistolenschüsse, PLO-Reime und Düsenlärm. Ein melancholisch-tröstliches Dancehall-Stück, mit dem sich entspannt gegen jedwede Terrorismus-Paranoia anschunkeln lässt.

21. BAT FOR LASHES & BECK »Let‘s Get Lost« (Atlantic / Warner)
»Touch me I‘m cold, unable to control«, singt Natasha Khan. Das könnte genauso Edward zu Bella sagen. Kein Wunder, der Song wurde für den Soundtrack von »Eclipse« aufgenommen, ganz ohne Geschmacksverwirrung.

22. LADY GAGA »Alejandro« (Interscope / Universal)
Alejandro, Fernando, Roberto – wen von diesen Typen mag sie denn nun am liebsten? Bis heute ist das ungeklärt, trotzdem infizierte uns GaGa mit ihrem Äquivalent zu Madonnas »La Isla Bonita«: »Just smoke my cigarette and hush!«

23. VAMPIRE WEEKEND »Horchata« (XL / Beggars / Indigo)
Mandelmilch ist die Madeleine der New Yorker Hipster: Unter Xylophon-Geklöppel erinnern sie sich trinkend daran, wie gut der vergangene Sommer war. Geigen beginnen zu spielen und der Jungs-Chor wird ganz euphorisch.

24. MOUNT KIMBIE »William (Tama Sumo & Prosumer Remix)« (99999 / Alive)
Tama Sumo & Prosumer verwandeln das Stück, das Mount Kimbie bekannt machte, in eine tiefe und pumpende House-Nummer. Dabei schaffen sie es dennoch meisterhaft, die träumerische Atmosphäre zu konservieren.

25. BEAR IN HEAVEN »Lovesick Teenagers« (Hometapes)
Schon lange bevor die neue Langsamkeit im Pop ausgerufen werden konnte, kreiste diese lethargische und dennoch leichtherzige Ode an den Liebeskummer der Ewigjungen im Zentrum des Chillwave-Kosmos um die eigene Achse.

26. THE NATIONAL »Bloodbuzz Ohio« (Beggars / Indigo)
The National setzen sich ein weiteres Denkmal als herausragende Indierock-Band, die von keiner Mode an die Leine genommen wird. Im Video sieht man endlich auch Sänger Matt Berninger so, wie man ihn immer gehört hat: gänsehautreif.

27. SALEM »King Night« (IamSound / Sony)
Die großartige wie verstörende Ouvertüre zu Salems gleichnamigem Album bietet die volle Ladung Witch-House-Wahnsinn: Synthie-Kaskaden, Monster-Bässe und Chorgesang.

28. GONJASUFI »She Gone« (Warp / RTD)
Lamentieren als Kunst. Der Sufi mit dem starken Hang zu Weltverbesserung und Mystik beweist mit hoffnungslos übersteuertem Songwriter-Sprechgesang, dass auch hier eine Extremsituation der Popmusik nicht schadet.

29. AXEL BOMAN »Purple Drank« (Pampa Records)
Diesen brillanten House-Track kann man durchaus dem allgemeinen Trend zur Entschleunigung zurechnen: Das Vocal-Sample ist so tief gepitcht, dass man Lisa Stansfield gar nicht wiedererkennt. Hat sie etwa am Hustensaft genippt?

30. CRYSTAL CASTLES FEAT. ROBERT SMITH »Not in Love« (Polydor / Universal)
Im Treffen der Generationen überwindet der internetaffine Elektro-Noise-Pop des kanadischen Duos seinen Hang zum Aufmerksamkeitsdefizit, indem er sich emphatisch an die Stimme der Gothic-Ikone Smith schmiegt.

Die 30 wichtigsten Alben des Jahres 2010 findest du hier.

5 KOMMENTARE

  1. hallo,

    die charts gehen in ordnung……

    aber die beiden stillosen figuren von platz 1 – und dann auch noch vereint: geschmackloser und hässlicher geht es wirklich nicht!

    welcher teufel hat euch denn da geritten????

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